Wir sind Welterbe

Denkmal für den Dichter Gottfried Schwab, geschaffen vom Bildhauer Ludwig Habich, der 1898 Mitglied der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe wurde und für seine vielen Kunstwerke im öffentlichen Raum bekannt ist | FOTO Erik Hartung

»Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt!«

Josef Maria Olbrich, Haus Deiters, Mathildenhöhe, Darmstadt,1901 ©Bildarchiv Foto Marburg/FOTO: Latocha

Diese Worte von Joseph Maria Olbrich beschreiben den Anspruch der Architekten und Künstler die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe wegweisend zu gestalten und einen Wendepunkt in Architektur und Kunst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zu schaffen. Das dies gelungen ist, zeigt die Auszeichnung von der UNESO zu einem Welterbe von herausragendem universellem Wert.
Die Darmstädter kennen sie, die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Sie kennen sie gut, sehr gut sogar. Jenes Ensemble, das auf dem ehemaligen Parkgelände der Großherzoglichen Familie zwischen 1901 und 1914 entstanden ist und nun endlich — nach vielen Jahren Vorbereitungszeit — Welterbe wurde. Aber wie das alles entstanden ist und was die vielen Besucher wissen sollten, beschreibt dieser Beitrag.

Runde Eingangstür am Haus Glückert | FOTO: Erik Hartung

Wo die Moderne ihren Anfang nahm

Die in vier Ausstellungen im Verlauf von 16 Jahren entstandene Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe weist eine überraschende Vielfalt von architektonisch einmaligen Gebäuden, Gartenanlagen, Brunnen und Skulpturen auf, an denen sich die Besucher erfreuen können.

Namensgeberin dieses Musenhügels war die Großherzogin Mathilde, verheiratet mit Großherzog Ludwig III., zu deren Zeit hier noch eine fest begrenzte Parkanlage mit Sommerhäuschen zur Erholung der fürstlichen Familie existierte. Mit dem Beginn der Bautätigkeiten in diesem Parkgelände wurden zugleich kühne Gedanken entwickelt, mit der die behäbige Beamtenstadt international »ein Zeichen setzen« konnte. Nach dem Wunsch Großherzog Ernst Ludwigs wurde im Zentrum der Mathildenhöhe ein Ensemble von Musterhäusern erstellt, mit denen sich die Ideenwelt einer künstlerischen Erneuerung exemplarisch in allen Bereichen des Lebens entfalten konnte. Mit der Gründung der Künstlerkolonie 1899 wurden sieben Künstler berufen, meist nach den Vorschlägen des Verlegers Alexander Koch, der beste Kontakte zur Kunstwelt seiner Zeit hatte.

Weithin sichtbar mit ihrer goldenen Kuppel strahlt die 1899 geweihte Russische Kapelle, erbaut für die Besuche der russischen Zarenfamilie. Obwohl sie inmitten des nach 1900 errichteten Ensembles steht, gehört der Kirchenbau wohl zur Mathildenhöhe, nicht aber zur Künstlerkolonie.

Olbrichs Generalplan für die erste Ausstellung 1901

Den Auftrag, einen Generalplan für die erste Ausstellung 1901 zu erstellen, bekam der aus Wien kommende Architekt und Raumgestalter Joseph Maria Olbrich übertragen. Weitere namhafte Künstler, wie der Münchner Maler und Grafiker Peter Behrens, der Darmstädter Bildhauer Ludwig Habich und der aus Paris kommende Maler Hans Christiansen bezogen hier ihren neu gegründeten Wohnort. Junge, noch unbekannte Künstler wurden ebenfalls berufen, denn dies sollte ein Ort der Erneuerung und des Experiments werden.

Für die erste Ausstellung 1901 »Ein Dokument deutscher Kunst« wurden acht Villen errichtet, jede individuell entworfen und mit einer an den Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner orientierten künstlerischen Planung, auch im Innern komplett ausgestattet. Für die Dauer der Ausstellung konnten die Besucher Einblick in die für diese Zeit innovativen Entwürfe für ein neues Wohnen und Leben nehmen. So befindet sich auf der Mathildenhöhe auch das Wohnhaus von Peter Behrens – der durch seine Berufung 1907 als Chefdesigner der Firma AEG in Berlin als Wegbereiter des modernen Industriedesigns gilt.

Für das Ateliergebäude wurde der Grundstein mit den Worten des Großherzogs »Mein Hesseland blühe und in ihm die Kunst« gelegt. Die Künstler sollten hier ihre Entwürfe entwickeln und das ortsansässige Handwerk diese ausführen können. Somit war von dem Initiator und Mäzen Ernst Ludwig mit der Künstlersiedlung auch eine Wirtschaftsförderung in die Wege geleitet worden. »Seine Welt zeige der Künstler…« steht als Motto im Bogen des imposanten Eingangs zum »Tempel der Arbeit«, dem Ernst Ludwig-Haus. Damit wird der Anspruch, eine ganze Lebenswelt zu präsentieren, zum Ausdruck gebracht. Nicht allein die Architektur und die Funktion der einzelnen Räume wurden geplant, sondern auch ihre Farbigkeit und alles Interieur bis ins kleinste Detail gestaltet. Dazu gehörten als Teil eines Ganzen ebenso die als Architekturgärten für jedes Haus individuell angelegten Außenanlagen.

Ein durch Kunst veredeltes Leben

Ganz im Sinne der Lebensreform sollten Modelle eines durch die Kunst veredelten Lebens aufgezeigt werden, die der Ausstellungsbesucher besichtigen konnte – ein begehbares Gesamtkunstwerk, das zum Modell für zukünftige Bauausstellungen avancierte.

Der weithin sichtbare Hochzeitsturm, Wahrzeichen der Stadt Darmstadt, erhielt seinen Namen durch die zweite Hochzeit Ernst Ludwigs mit Eleonore von Solms-HohensolmsLich 1905. Im Foyer des Turms begrüßen die Besucher zwei sich gegenüberliegende kunstvoll gearbeitete Mosaikmotive — der Kuss oder die Treue und einer Fortuna, aus deren Füllhörnern weiße Tauben in ihren Schnäbeln die rote Rose der Liebe in die Welt tragen.

Das Erscheinungsbild des 48 Meter hohen Turms mit seiner eigenwilligen Architektur wird stark von dem rau gemauerten Klinkerstein bestimmt. Auffällig sind auch die Fensterbänke, die beide Ebenen der sogenannten Fürstenzimmer anzeigen. Solch ein über Eck geplantes Architekturelement verweist schon auf die Zeit des Expressionismus der 1920iger-Jahre. Die an die fünf Finger einer Hand erinnernde Turmbekrönung kann bestiegen werden, von hier hat der Besucher eine wunderbare Aussicht über die im Westen gelegene Stadt und weit darüber hinaus in die Landschaft Südhessens und den nördlichen Odenwald.

Auch die Ausstellungshallen wurden 1908 fertiggestellt. Olbrich entwarf hierfür einen Treppenpavillon mit Kuppel, in der es eine filigran gestaltete Mosaikarbeit mit einem Sinnspruch zu entdecken gibt: »Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut das Neue frisch zu wagen – Bleib treu der eigenen Natur und treu den Menschen die du liebst». Eine Lebenseinstellung des Großherzogs, die ihm sein Selbstvertrauen für die Berufung auch junger unbekannter Künstler nach Darmstadt stärkte und den Mut gab, neues Bauen zu ermöglichen.

Der Kreislauf der Natur: Skulpturen im Platanenhain

Ein Lieblingsort – nicht nur für Boulespieler — ist der in der ehemaligen Parkanlage angelegte Platanenhain. In acht Reihen stehen hier in regelmäßigem Abstand Platanenbäume, deren Kronen im Winter so geschnitten werden, dass sie im Sommer mit einem perfekten Blätterdach angenehmen Schatten spenden. Für die letzte Ausstellung auf der Mathildenhöhe 1914 wurde der Bildhauer und Architekt Bernhard Hoetger berufen, diesen Hain mit einem eigenen Skulpturenprogramm auszustatten. Schon die beiden Raubkatzen auf den Eingangspfeilern mit einem erwachenden und einem schlafenden Kind auf ihren Rücken geben einen Hinweis auf das allumfassende Thema dieses Ensembles: Morgen und Abend als Sinnbild für den Kreislauf in der Natur. Die Brunnengruppe an der gegenüberliegenden Nordseite steht – wie die sieben in Nischen gerückten Krugträgerinnen — für den Kreislauf des Wassers, der, dem Leben des Menschen gleich, eine ewige Wiederkehr vom Himmel zur Erde zu durchlaufen habe. Vier große Reliefwände mit stehenden und hockenden Figuren in ornamentaler Reihung zeigen eine Formensprache, die an asiatische oder fernöstliche Vorbilder denken lassen. Frühling, Sommer, Schlaf und Auferstehung sind ihre Themen. An der Begrenzung nach Westen, in die zentrale Mitte gesetzt, steht das Denkmal der sterbenden Mutter mit ihrem neugeborenen Kind auf dem Schoß, eine Hommage an die früh verstorbene Malerin Paula Modersohn-Becker. Das ehemalige Ateliergebäude ist heute Museum und zeigt Werke von 23 Künstler der Kolonie. Wichtige Institutionen wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, das Deutsche Polen Institut und das Haus für Hessen-Design sowie die Hochschule für Design haben auf der Mathildenhöhe ihren Platz. Ein Ort, an dem Kultur direkt erfahrbar ist und der zum Verweilen einlädt.

Der Beitrag beruht auf einem TEXT von Charlotte Hoffmann, der in der M-Ausgabe 3-2015 erschienen ist und ein wenig gekürzt und aktualisiert wurde.

GRAFIK: Mathildenhöhe-Darmstadt.de

Ein kostenloser Welterbe-Shuttle Mathildenhöhe verkehrt seit dem 1. August täglich zwischen der Innenstadt und der Mathildenhöhe. Zwischen 11.16 Uhr und 16.46 Uhr fährt der Elektrobus alle 30 Minuten an der Haltestelle Kongresszentrum/darmstadtium ab. Auf dem Weg hält er am Jugendstilbad und am Ostbahnhof. Zurück geht es ebenfalls alle 30 Minuten zwischen 11.32 Uhr und 17.02 Uhr ab der Haltestelle Olbrichweg (Museum Künstlerkolonie), ebenfalls mit Stopps am Ostbahnhof und am Jugendstilbad und Ende an der Haltestelle Schloss.