Wir müssen den Fleischkonsum überdenken

Jährlich schließen bis zu 5.000 kleine Läden, weil sie mit Billigangeboten der Discounter nicht mithalten können. FOTO: Darth Liu

Massentierhaltung und die Folgen

Schreckliche Bilder aus den Schlachthöfen und von qualvoller Massenfolter von Nutztieren in der Massentierhaltung gab es in den letzten Wochen zur Genüge. Zustände, die weder mit der Würde des Tieres noch mit der in den Schlachtereien Beschäftigten vereinbar sind. Bekannt ist das schon lange, nur wissen wollte es niemand.

Die schockierenden Schlachthof-Szenen verderben selbst dem größten Fleischesser zumindest kurzzeitig die Lust auf Schweinebraten und Rindersteak. Aber auf Dauer bringen sie uns wohl kaum von unseren Essgewohnheiten ab. Denn an der Verkaufstheke handeln wir meistens ganz anders als wir denken. Wir Deutsche verzehren im Schnitt 90 Kilo Fleisch pro Jahr und kein Land produziert so viel und so billig Fleisch und Wurst. Die meisten Verbraucher erklären in Umfragen: Sie seien bereit, für eine bessere Tierhaltung und eine umweltverträglichere Fleischproduktion etwas mehr Geld auszugeben. Doch hochwertiges Ökoschweinefleisch, das zwei- oder dreimal teurer ist, erreicht nur einen Marktanteil von 1,6 Prozent und Biorindfleisch macht nur rund 4,4 Prozent der gesamten Rindfleischproduktion in Deutschland aus.

Für ein ausgewachsenes Schwein etwa sieht der Gesetzgeber einen Lebensraum von nur 75 Quadratzentimetern vor. Seinen ersten Geburtstag erlebt ein Schwein nicht, nach vier Monaten wird es geschlachtet. In einem modernen Schlachthof werden täglich mehrere zehntausend Schweine getötet. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Tiere bei ihrer Tötung wahrnehmungs- und empfindungslos sein müssen. Garantieren kann das aber kaum ein Schlachthof.

„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ So steht es im Tierschutzgesetz. Die Renditewünsche der Industrie können wohl kaum als „vernünftiger Grund“ gelten. Geduldet werden die grausamen Zustände dennoch, weil Fleisch günstig produziert werden muss, damit sich das Geschäft mit Tieren auch lohnt. In Deutschland teilen fünf Supermarktketten fast 70 Prozent des Lebensmittelmarktes unter sich auf. Sie bestimmen mit, welches Fleisch zu welchem Preis angeboten wird. Fleisch soll ein Produkt sein, kein Tier.

Kompletter Fleischverzicht als einzige Alternative?

Bei all dem Leid der Tiere: Sähe denn eine Welt besser aus, in der Menschen ganz auf Fleisch verzichten? Rinder, Schafe und Ziegen grasen seit Jahrtausenden auf oft kargen Landflächen, auf denen Landwirtschaft mit Ackerbau unmöglich wäre. Diese werden durch Tierhaltung in Fleisch und Milch umgewandelt. Ohne Tierhaltung wären sie nicht nutzbar und würden in der Herstellung von Lebensmitteln fehlen. Der intensive Anbau von Getreide und die Kultivierung durch Saatgut richtet an der Natur wesentlich mehr Schaden an als das kontrollierte Abgrasen solcher Landschaften.

In einer Welt ohne Fleisch würden tierische Abfallprodukte wegfallen. Wolle, Häute für Kleidung aber auch Mist als Dünger für die Landwirtschaft würden fehlen. Und auf die Landwirtschaft wäre die vegetarische Menschheit mehr als je zuvor angewiesen.

Rund eine Milliarde Menschen ist auf die Bewirtschaftung mit Vieh angewiesen. Arme Regionen wären von den Folgen eines globalen Fleischverzichts existenziell bedroht — ihre einzige Einkommensquelle wäre vernichtet. Eine Welt ohne Fleischkonsum wäre möglich, würde aber große neue Probleme aufwerfen. Nutztierhaltung im großen Stil wird immer ein Kompromissgeschäft bleiben.

Das Wissen über Fleisch und seine Zubereitung stirbt so schnell wie die Metzgereien. Jährlich schließen bis zu 5.000 kleine Läden, weil sie mit Billigangeboten der Discounter nicht mithalten können. Wenn dort ein Kilo Schweinefleisch für 5,70 Euro angeboten wird, bleibt für die Erzeuger kaum genug übrig, um auf idyllischen Bauernhöfen glücklichen Tieren auf grünen Weiden zu halten, wie es auf den Verpackungen gerne gezeigt wird. Weniger und bewusster Fleisch zu essen ist wohl die einzige Lösung, um den Quälereien der Massentierhaltung sowie der damit verbundenen Umweltbelastung durch massenhaften Ausstoß von Stickstoff, CO2 und Methan entgegenzuwirken. Deshalb ist eine bewusstere Ernährungsweise dringend erforderlich, um die Zustände in der Massentierhaltung zu ändern und den Tieren unnötige Grausamkeiten zu ersparen.

QUELLEN: Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, „Unser täglich Tier“. ZDF, Energieleben.at

TEXT Hans-Werner Mayer