WELTOFFENES DARMSTADT

FOTO: Clay Banks

Plädoyer für eine offene, pluralistische Stadtgesellschaft

In Darmstadt arbeiten, forschen, lernen und leben Menschen aus ca. 150 Ländern. Das entspricht einem Anteil von etwa 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Von den über 150.000 Menschen, die hier wohnen, haben knapp ein Viertel, eigene Migrationserfahrung oder einen Elternteil, der im Ausland geboren ist.

Alle diese Menschen sind längst selbstverständlicher und nicht wegzudenkender Teil unserer Stadt geworden. Sie bereichern unseren Alltag, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft durch ihre Erfahrungen, ihre Persönlichkeiten und ihre Potentiale. Und sie tragen wesentlich zur Vielfalt unserer Stadtgesellschaft bei.

Laut einer Resolution vom 6. März 2020 treten die Stadtverordneten „für eine offene, pluralistische Stadtgesellschaft ein, die von Humanität, Toleranz, Demokratie, kultureller Vielfalt und Solidarität getragen sei. Extremen Haltungen und Handlungen wolle man „entschlossen entgegentreten“. Man trete „für einen respektvollen Umgang“ ein und stärke Allianzen und Bündnisse, die Extremismus und Rassismus bekämpften und Radikalisierung verhinderten. Meinungsverschiedenheiten dürften „nicht in Feindschaft und Hass münden“. „Verunglimpfung, Beleidigungen und verletzende Kommentare, auch und vor allem im Internet, dürfen nicht toleriert werden“, heißt es in der „Darmstädter Resolution“ weiter. Menschenfeindliche Äußerungen seien „der Beginn von Gewalt“, die jeden treffen könne. „Entschieden“ wollen sich die Fraktionen zudem künftig dafür einsetzen, dass Menschen in ihrer Würde nicht herabgesetzt werden und menschenverachtende Ideologien „nicht salonfähig werden“. Es gelte einmal mehr der Satz „Darmstadt ist – und bleibt – weltoffen!“, heißt es am Ende des Resolutionstextes.

Die Stadt hat seit Ende des 2. Weltkrieges immer wieder geflüchtete Menschen aufgenommen und gut in ihre Gesellschaft integriert, ohne den Menschen, die hier leben, dabei etwas wegzunehmen. Dass Rassismus hier keine Chance hat, ist auch einer Einrichtung zu verdanken, die seit über 20 Jahren besteht und sich um internationale Angelegenheiten kümmert. Als das „Interkulturelle Büro“ 1998 gegründet wurde, fing es mit kleinen, stadtteilbezogenen Projekten an: „Mama lernt Deutsch“ und „Gesprächskreise für Eltern“ hießen die ersten Angebote, die Migranteneltern in die Schulen ihrer Kinder locken und damit mehr Verständigung wecken sollten. Ziel war die gleichberechtigte Teilhabe der Zugewanderten in der Mehrheitsgesellschaft. 

2013 schließlich wurde aus zwei „Büros“ ein Amt: Das Interkulturelle Büro und das Büro für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen wurden zusammengelegt unter dem Namen »Amt für Interkulturelles und Internationales« mit dem Ziel, den Integrationsprozess der Zugewanderten zu unterstützen mit einer ganzen Reihe von Handlungsfeldern und mit jeder Menge Projekten, Kulturwochen und Programmen.

Integration bedeutet, die gleichberechtigte Teilhabe von Zugewanderten in allen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zu ermöglichen. Sie erfordert die gleichen Bildungschancen für alle Kinder, den Zugang zu Ausbildungsplätzen, den Einstieg in den Arbeitsmarkt, die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen, das Recht auf gesundheitliche Versorgung.

In der öffentlichen Debatte wird der Fokus zu oft auf Probleme und vermeintliche Defizite von Zugewanderten gelegt. Dies versperrt den Blick darauf, dass im Alltag das Zusammenleben von Menschen mit Migrationsgeschichte und Einheimischen in der Regel gut funktioniert. Und es versperrt den Blick auf die vorhandenen Potentiale und die Möglichkeiten, diese noch stärker für uns alle zu nutzen. Die überwiegende Mehrheit der Zugewanderten fühlt sich in Darmstadt heimisch und unserer Stadt verbunden. Sie wollen sich einbringen und ihren Beitrag zum Wohl aller leisten. 

Trotz aller positiven Entwicklung ist die Diskrepanz zwischen den Kindern mit Migrationshintergrund und den einheimischen Kindern nach wie vor hoch, was die Bildungserfolge betrifft. Er zeigt auch, dass die Arbeitslosigkeit von Migrantinnen und Migranten noch immer doppelt so hoch ist wie die der Darmstädterinnen und Darmstädter ohne Migrationshintergrund. Deshalb gilt es die Anstrengungen bei der beruflichen Eingliederung von Jugendlichen weiter zu verstärken. So bleibt die Integration eine der großen und dauerhaften Aufgaben, die unsere Gesellschaft zu bewältigen hat. Dabei kann Integration nicht erreichen – und auch nicht bezwecken – dass alle „gleich“ werden. Vielmehr geht es darum, dass allen eine Chance auf Beteiligung am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zukommt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt kann nicht „von oben“ verordnet werden, sondern bedarf der aktiven Mitwirkung der Zuwanderer und der bereits Ansässigen. Dies geschieht nicht selten auf persönlicher Ebene, oftmals über Vereinsarbeit und ehrenamtliche Aktivitäten wie etwa im Sport, im Bereich Kultur, Bildung und Politik.

 

TEXT: Hans-Werner Mayer