STEHT DER STATIONÄRE HANDEL VOR DEM AUS?

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Chancen und Herausforderungen

Nach einer aktuellen Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) fürchten zwei Drittel der Innenstadthändler um ihre Existenz. Und doch ist der Einzelhandel im Corona-Jahr gewachsen wie seit 1994 nicht. Angesichts der geschlossenen Geschäfte und des lauten Klagens im Einzelhandel scheint dies paradox.

Fest steht: In der Branche gibt es Gewinner und Verlierer. Der größte Profiteur der Entwicklung war der Onlinehandel. Er legte nach den Zahlen der Statistiker um 24 Prozent zu. Etliche Kunden, die vorher nicht übers Netz geshoppt hatten, mussten sich zwangsweise umstellen, weil die Geschäfte geschlossen waren. Aber auch als die Geschäfte wieder öffnen durften, hielt der Boom im Onlinehandel an. Denn etliche Kunden hatten die Bequemlichkeit des E-Commerce schätzen gelernt und wechselten nicht wieder in die Geschäfte.

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WER SIND DIE GEWINNER?

Von der Entwicklung im vergangenen Jahr haben aber auch etliche stationäre Händler profitiert. Zu den Gewinnern zählen die Baumärkte. Ihr Umsatzanstieg ist auch dadurch zu erklären, dass für die Menschen viele andere Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben, weggefallen sind. So haben viele keinen Urlaub gemacht, konnten keine Konzerte oder Restaurants besuchen. Dieses Geld haben dann viele in Anschaffungen investiert.

Rekordumsätze machte auch der Lebensmitteleinzelhandel. Die Konsumenten waren unter anderem wegen Schulschließungen und Homeoffice mehr zu Hause und haben deshalb auch öfter gekocht als zuvor. Auch die Hamsterkäufe führten zu einem Umsatzanstieg.

Gut verkauften sich im vergangenen Jahr zudem Kleinmöbel, Dekorations- und Gartenartikel. Experten erklären das durch den sogenannten Cocooning-Effekt: In unsicheren Zeiten der latenten Bedrohung igeln sich die Menschen zu Hause ein – und wollen sich das Heim deshalb so schön wie möglich machen.

Als Verkaufsrenner entpuppten sich außerdem Fitnessgeräte und Sportartikel. Händler berichteten von Zuwachsraten von mehreren hundert Prozent etwa bei Hanteln oder Rudergeräten. Auch Laufschuhe waren gefragt, weil viele Menschen in der Zeit geschlossener Fitnessstudios das Joggen entdeckten.

WER SIND DIE VERLIERER?

Starke Einbußen haben vor allem Händler, die vom Lockdown betroffen sind und ausschließlich über ein stationäres Geschäft verkaufen. Kurzfristig einen Onlinevertrieb aufzubauen ist schon technisch nicht einfach. Am stärksten gelitten haben alle Händler, die Saisonware führen, beispielsweise Modeartikel und Schuhe. Sie konnten nur mit starken Rabatten abgesetzt werden oder stapeln sich immer noch im Lager. Deshalb fehlt vielen Händlern auch die Liquidität, um ausreichend neue Ware einzukaufen. Das führt zu zusätzlichen Umsatzausfällen. So musste der Darmstädter Schuh- und Sportfachhändler Dielmann Insolvenz anmelden.

Das Einkaufserlebnis ist auch aufgrund der Hygienemaßnahmen getrübt. Dazu kamen die Angst vor Infektionen in den Läden und die Hygienemaßnahmen, die den Spaß am Einkaufen verdarben. Das Konsumbarometer des HDE, das auf einer Befragung von 2.000 Personen basiert, signalisiert zumindest für die kommenden Monate eher eine Kaufzurückhaltung. Erst wenn es wieder die Möglichkeit für die Konsumenten gibt zu reisen oder in Restaurants zu gehen, wird der Umsatz im Handel sich wieder normalisieren. Um zu verhindern, dass die Innenstadt dauerhaft verödet, sind neue Ideen und Konzepte gefragt.

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ENTWICKLUNGSKONZEPT FÜR DIE INNENSTADT

Zur dauerhaften Belebung der Innenstadt nimmt der Magistrat der Stadt Darmstadt 100.000 Euro für ein Entwicklungskonzept in die Hand. Es soll den Handel in seiner Leitfunktion stärken und durch Verwaltungsservice, Gastronomie, Kultur- und Bildungsangebote, Wohnen in Obergeschossen, Praxen, kleinteilige, bedarfsgerechte Büroeinheiten, ein Mehr an Grün im öffentlichen und privaten Raum, sowie einladende Aufenthaltsbereiche ergänzen.

„Schon die Sommermonate nach dem ersten Lockdown haben gezeigt, dass sich die Menschen „ihre“ Innenstadt sehr schnell wieder zurückerobern werden. Draußen sein, durch die Stadt schlendern, Kaffee trinken und sich mit Freunden treffen. Das alles wird zurückkehren – vielleicht sogar mit einer höheren Bedeutung als vorher. Auch der Besuch des Lieblingsladens wird dazugehören – wenn er noch existiert. Denn die Pandemie wird sichtbare Lücken in der Innenstadt hinterlassen. Diese freien Räume müssen mit neuen Ideen gefüllt werden. Weniger Geschäfte bedeutet auch: Wir brauchen mehr von dem, was urbanes Leben (auch) ausmacht. Attraktive öffentliche Räume, Kultur, Wohnen, Grünflächen und neue Orte der Begegnung. Und das Ganze in einer innovativen Form der Nutzungsmischung mit zeitgemäßen Handelskonzepten. Ansonsten droht die Innenstadt zu veröden. Viele Entwicklungen wurden durch die Pandemie in ihrer Einzigartigkeit beschleunigt. Einzigartig ist aber auch die Chance und Herausforderung, Innenstadt neu zu denken. Vordringlichste Aufgabe ist es daher, eine Vision davon zu entwickeln, was die Innenstadt der Zukunft für uns als Stadtgesellschaft sein soll“, meint Citymanagerin Anke Jansen. —

QUELLEN: HDE und Citymarketing

TEXT Hans-Werner Mayer