Mobilität neu denken

Damit umweltfreundliche Mobilität akzeptiert wird, darf sie nicht zur sozialen, ökologischen oder wirtschaftlichen Belastung werden. FOTO: BMVI

Auf der Suche nach übergreifenden Konzepten

Die Einstellung vieler Menschen wandelt sich gerade: Sie nutzen Car- oder Bikesharing, rufen ihr Taxi per App oder suchen Mitfahrgelegenheiten im Internet. Doch trotz der zunehmenden Flexibilität und Vernetzung im Mobilitätssektor sind wir noch weit von einer nachhaltigen Mobilität entfernt. Denn der Wandel kommt nicht überall gleichermaßen an: Soziale, ökologische und wirtschaftliche Belastungen behindern oftmals den Fortschritt.

In den Städten kann dank ÖPNV, Leih- oder Sharing-Konzepten der Umstieg weg vom Verbrenner hin zu alternativen Mobilitätsformen gelingen. Auf dem Land sei dies aber weitaus schwieriger, meinen Mobilitätsexperten. Laut einer ADAC-Studie zu „Mobilitätssicherung auf dem Land“ wirkt sich vor allem der demografische Wandel auf die Mobilität im ländlichen Raum aus: Junge Erwachsene zieht es für Ausbildung oder Studium in die Städte. Auf dem Land zurück bleiben vor allem ältere Menschen, die häufig nicht mehr selbst Auto fahren (können).

Deshalb fordert der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e. V. (ADAC) mehr Mobilitätsangebote auf dem Land und empfiehlt auch für den ländlichen Raum eine Verknüpfung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) mit privaten oder gewerblichen Ridesharing-Angeboten. Damit ältere Menschen nicht ausgeschlossen werden, sollten die Angebote nicht nur digital buchbar sein, sondern auch über klassische Wege wie Ticketautomaten.

„Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Stadt und Land“, sagt auch Dr. Fabian Schroth, Mobilitätsexperte beim »Center for Responsible Research and Innovation« des Fraunhofer-Instituts. In den Großstädten boomen Angebote wie Car- und Ridesharing oder Leihroller. „Auf dem Land gibt es noch kein Geschäftsmodell für die Sharing-Angebote, die es in den Städten gibt“, erklärt er. Doch der Verkehrsexperte glaubt, dass gerade das Ridesharing auf dem Land gut funktionieren kann – zumal das Konzept bei der dortigen Bevölkerung als „Mitfahrgelegenheit“ schon lange bekannt sei. Eine andere gute Alternative zum eigenen Auto sind Elektrofahrräder. Sie machen das Radfahren bequemer. Das Problem: An den Landstraßen gibt es keine Fahrradwege, teilweise nicht mal Bürgersteige.

Mobilität sollte als übergreifendes Konzept betrachtet werden, meint Mobilitätsexperte Schroth. Einzelne Lösungen, die nicht miteinander verknüpft sind, werden keinen Effekt haben. „Das ist mit allen Angeboten so: Es funktioniert nur, wenn man sie als Teil eines Systems versteht.“

Diese Meinung teilt Dr. Martina Kohlhuber, Leiterin Themenschwerpunkt Mobilität bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. „Es geht vor allem darum, durch Vernetzung eine bessere Mobilität zu entwickeln. Diese Mobilität bringt den Individualverkehr mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß ganz selbstverständlich mit dem öffentlichen Verkehr und den Sharing- und Mikromobilitätsdiensten zusammen.” Dafür brauche es verkehrsträgerübergreifende Angebote, die auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten, einfach und komfortabel seien – ganz gleich, wie alt eine Person sei, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohne, zur Arbeit pendele oder auf Dienstreise sei. „Nur so schaffen wir Anreize, Mobilität weniger am eigenen Auto festzumachen”, sagt Kohlhuber. Moderne Mobilität bedeutet in diesem Sinne also mehr individuelle Mobilität bei insgesamt weniger motorisiertem Individualverkehr.

„Eine moderne Mobilität stellt die Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt. Dass das Verkehrssystem klimafreundlicher, gar klimaneutraler werden muss, steht ja nicht mehr zur Diskussion”, sagt Kohlhuber. Doch auch der monetäre Preis von Mobilität spiele eine Rolle. Allerdings sei Geld nicht der herausragende Aspekt, denn dann würden die Menschen bereits weniger Auto fahren. Wichtiger sei es, dass die Angebote leicht zugänglich und bequem seien – ganz wie ein eigenes Auto. „Das Auto ist für viele Menschen ein Allzweckmittel. Man kann alleine damit fahren, mit mehreren Menschen, man kann Sachen transportieren“, erklärt Schroth. Man werde nicht alle Funktionen des Autos ersetzen können. Der Verkehrsexperte betont, dass neue Mobilitätsformen auch eine neue Mobilitätsphilosophie benötigen. Um eine neue Denkweise zu entwickeln und die Verhaltensweisen der Menschen nachhaltig zu verändern, könnten Verkehrsplaner an einfachen Stellschrauben drehen. So hat der Berliner Senat etwa während des Corona-shutdowns im März und April in Berlin temporäre Fahrradwege errichtet. Ähnliche Ideen gibt es bereits in Hamburg, München und anderen Großstädten. Eine große infrastrukturelle Herausforderung, aber: „Die Fahrradfahrer haben das Gefühl, es werde etwas für sie getan, gleichzeitig wird das Autofahren dadurch unbequemer“, sagt Schroth.

TEXT Hans-Werner Mayer
QUELLEN ADAC und Fraunhofer-Institut