Maßstäbe in der Welt der Bücher

FOTO: Kevin Curtis

Lese-Empfehlungen der Darmstädter Jury »Buch des Monats e.V.«*

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Hier kommen drei Vorschläge aus diesem Jahr:

NICHTS UND NIEMAND KANN DICH ERSETZEN
Rainer Brambach/Günter Eich

Der umfangreichte Briefwechsel von Günter Eich mit seinem Schweizer Dichterfreund Rainer Brambach (1917-1983) liegt jetzt in einer akribisch kommentierten Ausgabe vor. Als Lyriker und Kurzprosaisten gehören Günter Eich und Rainer Brambach zu den unverrückbaren Größen in der Literatur Deutschlands und der Schweiz nach 1945. Bis Eichs Tod im Jahr 1972 sollten beide füreinander die Person bleiben, der sie alles anvertrauen konnten. Diese Unverbrüchlichkeit ist umso erstaunlicher, als beide unterschiedlichen Ländern, Generationen und sozialen Milieus entstammten. Eichs literarische Anfänge reichten bis in die Zeit vor 1933 zurück. Er war bereits ein erfahrener und anerkannter Autor, als Krieg und Zerstörung Europa in Schutt und Asche legten. Eich erlebte das Jahr 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft und schrieb mit dem Gedicht „Inventur“ den Text, der für eine ganze Epoche zur Signatur wurde. Brambach – zehn Jahr jünger – erlebte diese Jahre zwar in der verschonten Schweiz, wollte sich deren bürgerlicher Ordnung jedoch so wenig anpassen, dass er hinter Gittern landete. In ihren Briefen kommt dann auch das gesamte Spektrum ihrer Lebensumstände zur Sprache. Es sind Briefe, in denen sich viele Tonlagen mischen: tiefe Herzlichkeit und kritische Abwägung, Freude am Albernen und Galgenhumor angesichts der verqueren Weltläufte. Nur langweilig sind sie nie.

Nimbus Verlag, 464 Seiten
ISBN-10: 3038500690
Gebundenes Buch: 44,00 €

MONSTER WIE WIR
Ulrike Almut Sandig

Ruth spielt Geige und hat Angst vor Vampiren. Sie wächst in einem Pfarrhaus in der ostdeutschen Provinz auf. Aber Gott ist kein Parteisekretär, um dessen Schutz man buhlen könnte. Ihr bester Freund Viktor hat einen Mondglobus und Falten im Gesicht. Er fürchtet sich nur vor seinem Scheißschwager. Aber dann findet er diesen Schalter in seinem Kopf, um rein gar nichts zu empfinden. Und wird selbst zum Fürchten. Was Gewalt bedeutet, wissen sie beide. Hier, wo der Braunkohleabbau ganze Dörfer und Wälder verschlingt, hilft man sich am besten selbst. Viktor macht jeden Tag Sit-ups und rasiert sich eine Glatze. Dass einer wie er als Au-Pair nach Frankreich geht, versteht niemand. Doch für Viktor ist es 

überall besser als zu Hause. Und Ruth? Die flüchtet sich ins Geigenspiel. Wohin es die beiden auch verschlägt, überall werden sie von Gewalt eingeholt. Wann also schaut Ruth von ihrer Geige auf? Und vor allem: Wie rettet man einander? »Monster wie wir« ist der erste Roman der gefeierten Dichterin und Klangkünstlerin Ulrike Almut Sandig. In funkelnder Prosa voll harter Beats schildert sie ihre Generation, geprägt von Um- und Aufbruch, von Identitätsverlust und der Suche nach Selbstbestimmung.

Schöffling & Co., 240 Seiten
ISBN-10: 3895611832
Gebundenes Buch: 22,00 €

LIEDER FÜR DIE FEUERSBRUNST
Juan Gabriel Vásquez

Wie scheinbar belanglose Vorfälle ein Leben von Grund auf verändern können, davon handeln die neuen Erzählungen von Juan Gabriel Vásquez. Da ist der junge Mann, den das Los vor dem Militärdienst verschont, während es seinen besten Freund in den Tod schickt. Oder die Fotografin, die bei einem Treffen von Großgrundbesitzern mehr versteht, als ihr lieb ist. In einigen Geschichten ist es die Politik, die Menschen aus der Bahn wirft: Eine selbstbewusste Frau versucht sich gegen die erzkonservativen Kräfte durchzusetzen, doch gehen ihre Hoffnungen in Flammen auf. Manchmal betritt Juan Gabriel Vásquez selbst die Bühne und versucht etwa herauszufinden, was zwischen den Mitgliedern der mexikanischen Band vorgefallen ist, die er auf ihrer Tournee begleitet. Ein andermal wirkt er als Statist beim Dreh eines Films von Roman Polanski mit und sieht sich mit den schmerzlichen Brüchen im Leben des berühmten Regisseurs konfrontiert. In seinem Erzählungsband wirft der gefeierte kolumbianische Autor Fragen danach auf, was uns prägt und warum. Der eindringliche Sound seiner Sprache übt dabei einen unwiderstehlichen Sog aus.

Schöffling & Co., 240 Seiten
ISBN-10: 3895610186
Gebundenes Buch: 22,00 €

* Die Darmstädter Jury:
Peter Benz, Michael Braun, Oliver Jungen, Hanne F. Juritz, Adrienne Schneider, Julia Schröder, Dr. Tilman Speckelsen, Dr. Gerhard Stadelmaier, Dr. Hajo Steinert, Beate Tröger, Wolfgang Wert

TEXT Hans-Werner Mayer