Lust und Leid beim Radeln

Pop-Up-Bikelane. FOTO: ADFC

Der Fahrradboom geht weiter

Gekauft wurden nach Angaben der Branchenverbände ZIV und VDZ vergangenes Jahr vor allem hochwertige und teure Fahrräder; die Verbände rechnen mit anhaltend hoher Nachfrage. Doch der Ausbau von Wegen hinkt hinterher, kritisiert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club.

Etwa 78 Millionen Fahrräder gibt es in Deutschland, aber leider hinkt die zum Radeln nötige Infrastruktur hinterher. Die Folge sind zugeparkte Radwege, Konflikte mit Fußgängern und dreckige Spuren: Radfahrer in Deutschland sind unzufrieden. Das geht aus den Ergebnissen des Fahrradklimatests 2020 hervor, den der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) vorgestellt hat. Insgesamt beteiligten sich rund 230 000 Menschen an der Umfrage über die Fahrradfreundlichkeit von über 1024 Kommunen, davon 24 in Südhessen, – und stimmten ab mit Bewertungen, die den Schulnoten von 1 bis 6 entsprechen.

Bei der Schlüsselfrage, ob Radfahren im Ort eher Spaß mache oder Stress sei, erhielten nur wenige südhessische Gemeinden eine Durchschnittsnote besser als 3,0. Darmstadt erhält bei der Einordnung die Note 3,5.

In der größten Stadt Südhessens haben 980 Radfahrer am Klimatest teilgenommen. Sie vergaben nach ADFC-Berechnung die Gesamtnote 3,66. Darmstadt hat sich damit gegenüber 2018 leicht verbessert – genug, um in der bundesweiten Rangliste der 41 Städte zwischen 100.000 und 200.000 Einwohner um zwei Plätze auf Gesamtrang sieben vorzurücken. Gute Noten erhält Darmstadt für die Erreichbarkeit der Innenstadt, freigegebene Einbahnstraßen und verfügbare Mieträder. Die Sicherheit für Radler wird dagegen mit 4,1 wie schon bei früheren Befragungen negativ bewertet.

Hinter dem uneinholbar scheinenden Baunatal – Fabelgesamtnote 2,39 – steht Mörfelden-Walldorf mit 3,12 auf Platz zwei der Städte von 20.000 bis 50.000 Einwohnern in Hessen. Dicht dahinter folgt Riedstadt auf Rang vier in Hessen und 38 bundesweit. Auch Weiterstadt, Groß-Gerau und Bensheim sind in dieser Größenklasse unter den 100 fahrradfreundlichsten deutschen Städten platziert. Griesheim, Heppenheim, Viernheim und Flörsheim landen allesamt im Mittelfeld.

VIELE FAKTOREN KURBELN DEN FAHRRADABSATZ AN

Die Nachfrage übersteigt auch in diesem Jahr die Kapazitäten bei Händlern und Werkstätten: Schon gibt es Lieferschwierigkeiten und Wartelisten. Gefragt sind Pedelecs, deren Motor Unterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde leistet – zunehmend auch in sportlicher Version als Mountainbike oder Rennrad. Immer häufiger gekauft werden auch Lastenfahrräder mit Batterieunterstützung, allerdings eher in den Städten als auf dem Land.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Kunden immer höhere Summen investieren, vor allem bei E-Bikes. Der Nachfrageboom dürfte anhalten, da Corona den Bewegungsradius noch immer einschränkt und viele die Lust an dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel neu entdeckt haben. Die Auswahl in den Geschäften schrumpft bereits. Inhaber berichten von Lieferzeiten einiger Modelle bis in den November hinein.

Aus den Reihen der Radfahrerinnen und Radfahrer wird weiter politischer Druck kommen. Derzeit ist so viel Geld für den Ausbau von Radwegen vorhanden wie noch nie zuvor. Die Kommunen müssen die Mittel aber auch abrufen und anfangen zu planen, damit sich das veränderte politische Klima in Sachen Rad- und Fußverkehr rasch vor Ort in konkreten Verbesserungen auf den Straßen niederschlägt.

TEXT Hans-Werner Mayer