Kleine Helfer, große Wirkung

Es bedarf einer ganzen Menge an Sensoren, die nach vorne, hinten und zur Seite blicken, um alle Assistenzsysteme, die heute angesagt sind, mit den entsprechenden Daten versorgen zu können. FOTO: AUDI AG

Immer mehr Hightech-Fahrhilfen bald Pflicht

Es steht unzweifelhaft fest, dass Auto fahren in den letzten Jahren immer sicherer geworden ist. Ein wichtiger Grund für stetig sinkende Unfall-, Verletzten- und Todeszahlen sind die immer besser mit elektronischen Assistenzsystemen ausgestattete Autos.

Sie sehen die Gefahr kommen, blinken, piepen, rütteln um Aufmerksamkeit, lenken wie von Geisterhand und bremsen auf den Punkt. Diverse Sicherheits- und Assistenzsysteme sind in Neuwagen mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, doch viele Autofahrer wissen manchmal gar nicht, dass sie existieren und was sie überhaupt bewirken.

Seit 2014 müssen neuzugelassene Pkws mit Anti-Blockier-System (ABS) und Elektronischem Stabilitätsprogramm (ESP) ausgestattet sein. Allein durch den Einsatz von ESP in Pkws konnten „beeinflussbare Unfälle mit schwerem Personenschaden“ um bis zu 35 Prozent reduziert werden, rechnete die deutsche Unfallforschung der Versicherer aus. Während ABS das Blockieren der Räder bei einer Vollbremsung verhindert und so dafür sorgt, dass das Fahrzeug lenkbar bleibt, versucht ESP, das elektronische Stabilisierungsprogramm – ganz egal, ob das nun herstellerabhängig ESC, DSC oder CST heißt – durch gezielte Bremseingriffe auf einzelne Räder das Fahrzeug am Schleudern zu hindern. Auch eine Reifendruckkontrolle muss in allen Neuwagen vorhanden sein. Direkte Systeme erkennen mithilfe von Drucksensoren an den Reifenventilen einen Druckverlust. Indirekte Systeme nutzen dagegen Sensoren von ABS und ESP, die die Rollgeschwindigkeit der Reifen messen. Steigt die Rollgeschwindigkeit eines Reifens unverhältnismäßig, schlägt das System Alarm.

Die Liste der verpflichtenden Assistenzsysteme wird ab Juli 2022 für alle neu zugelassenen Pkw erweitert. Künftig müssen rund 30 Hightech-Fahrhilfen in Autos installiert werden. Dazu zählen neben den Kontrollsystemen, die bei übermäßigem Alkoholkonsum den Start des Autos blockieren, auch Warnsysteme, die den Fahrer bei Müdigkeit oder Ablenkung alarmieren. Zudem sollen Kameras und Sensoren zum Rückwärtsfahren sowie Datenrekorder für Unfälle installiert werden – ähnlich den Blackboxes in Flugzeugen.

Für Lastwagen werden Abbiegeassistenten und Sensorsysteme verpflichtend. Sie sollen schutzbedürftigere Verkehrsteilnehmer neben den Fahrzeugen erkennen. Wenn meist erhöht sitzende Lastwagenfahrer Motorradfahrer, Radler oder Fußgänger im toten Winkel übersehen, die sich neben ihrem Fahrzeug befinden, kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Abbiegeassistenten sollen Warnsignale aussenden oder automatisch bremsen.

AUTOASSISTENZSYSTEME DER ZUKUNFT

Damit immer schneller immer mehr Assistenten ins Fahrzeug kommen, braucht es eigentlich die Vorschriften gar nicht. Da sind die Hersteller dem Gesetzgeber deutlich voraus. Mithilfe von Ultraschall (Abstandsmessung für Einparksysteme), Radar (Abstandsmessung für City-Notbrems-Assistent oder adaptive Tempomaten), Lidar (laserlichtbasierte Abstandsmessung etwa für Totwinkelassistent, Abstandsregelung und Notbremssysteme) und Kamera (Spur-, Verkehrszeichen- und Fußgängererkennung) kann der Raum mehrere Meter rund ums Auto genau vermessen werden. Die meisten Hersteller kombinieren diese Daten mit denen aus dem Navigationssystem.

Auch riskante Überholmanöver können bald der Vergangenheit angehören. Die technisch ausgeklügelten Fahrerassistenzsysteme helfen, riskante und gefährliche Überholmanöver frühzeitig zu erkennen und somit tödliche Unfälle zu vermeiden. Sie nutzen dabei modernste Technik aus Umfeld-Video- und Radarsensorik. Noch haben Fahrerassistenzsysteme die Serienreife nicht erlangt. Doch das liegt neben der technischen Umsetzung auch an der nötigen Kundenakzeptanz, die solch eine innovative Neuerung mit sich bringt.

Wohin die Reise mit den Assistenten führt, ist inzwischen auch klar. Nicht mehr lange und unsere Autos werden autonom fahren. Das Stehenbleiben vor Hindernissen mithilfe des Notbremsassistenten funktioniert schon sehr gut, Lenkunterstützung, Spur- und Abstandhalten ebenfalls.

Die Assistenzsysteme für neue Fahrzeuge werden stetig weiterentwickelt. Volvo hat sich mit dem Projekt »Vision 2020« zum Ziel gesetzt, dass ab dem Jahr 2020 kein Mensch mehr in einem Auto der Marke schwer verletzt wird oder ums Leben kommt. Die Schweden arbeiten unter anderem an einem Cloud-System, mit dem alle Volvo-Fahrzeuge miteinander vernetzt werden sollen. Wenn die Sensoren eines Fahrzeugs Gefahrensituationen wie Hindernisse, schlechte Fahrbahnbedingungen oder Glätte registrieren, wird diese Information an die anderen Fahrzeuge übermittelt, um frühzeitig vor Gefahrenstellen zu warnen. Andere Hersteller arbeiten ebenfalls an entsprechenden Systemen. Die EU hat sich mit der »Mission Zero« das Ziel gesetzt, die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf »Null« zu reduzieren. Angesichts der fortschreitenden Entwicklung der Assistenzsysteme sowie neuen Modellen, die autonom und weitgehend fehlerfrei unterwegs sein sollen, scheint der Weg dafür geebnet.

TEXT Hans-Werner Mayer