Darüber müssen wir reden — Stadtgespräch mit Barbara Akdeniz

FOTO: Klaus Mai

»Solange in der Wirtschaft und Politik nicht automatisch die Parität hergestellt ist, bin ich für die Frauenquote.«

In Burghausen geboren, schloss Barbara Akdeniz an der Fachhochschule Darmstadt ein Studium der Sozialpädagogik mit Diplom ab. Danach leitete sie bis 2006 Frauenbüros in Groß-Gerau und Darmstadt, war drei Jahre lang persönliche Referentin des damaligen Sozialdezernenten und heutigen Oberbürgermeisters Jochen Partsch, danach Leiterin vom Amt für Soziales und Prävention. Die Politikerin der Grünen ist seit 2011 Stadträtin und im Juni 2021 wurde sie von den Koalitionären zur Bürgermeisterin der Wissenschaftsstadt Darmstadt gewählt. Als hauptamtliches Mitglied des Magistrats ist sie jetzt zuständig für die Bereiche Soziales, Jugend, Familie, Frauen, Inklusion, Wohnen, Beschäftigungspolitik sowie Sport und Eigenbetrieb Bäder und bildet jetzt mit dem Oberbürgermeister eine Grüne-Doppelspitze.

Frau Akdeniz, wie bewältigen Sie diese zahlreichen Aufgaben Ihres Mammutressorts, können Sie sich wirklich um alle Bereiche ausreichend kümmern?
Es sind in der Tat viele und sehr wichtige Aufgaben, die in meinem Dezernat zusammenkommen. Die Themenstellungen hängen alle sehr eng miteinander zusammen, von daher ist es gut, die Bereiche in einem Dezernat zu verantworten. So kann ich Informationen bündeln und weitergeben und vor allem konzeptionell die Bereiche aufeinander abstimmen – und ja: Ich kann mich um alle Bereiche ausreichend kümmern, das mache ich natürlich gemeinsam mit meinen kompetenten Mitarbeitenden.

Frisch vereidigt, versprachen Sie, sich vor allem für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz einzusetzen. Was halten Sie für dringend geboten und welche Maßnahmen möchten Sie sofort ergreifen?
Wie Sie ja bereits sagen, bin ich seit 2011 für den sozialen Bereich zuständig, von daher werde ich hier weiter kontinuierlich unter den Prämissen Sozialraumorientierung, Prävention und Partizipation an der Stärkung von Teilhabe und Chancengerechtigkeit arbeiten, für alle Generationen und in allen Lebenslagen. Es geht darum, Strukturen so gut aufzubauen, dass sie für die Menschen leicht erreichbar und förderlich sind, ob das die Leistungsgewährung ist oder die Angebote der offenen Jugendarbeit. Das gilt auch für die Förderung in besonderen sozialen Lebens- und Notlagen oder die Berufsorientierung, überall werden Weichen für die Zukunft und die Teilhabe gestellt. Diese Strukturen zu verbessern, daran arbeiten wir und konnten auch schon sehr viele gute Ergebnisse erzielen, zum Beispiel beim qualitativen und quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung, der für die Kinder aber auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut ist. Was den Klimaschutz angeht, so werde ich mich für eine sozial-ökologische Transformation einsetzen – Klimaschutz muss sozial gestaltet werden, so dass alle mitmachen können und Menschen mit geringen Einkommen nicht belastet werden.

In Ihrer gesamten Karriere haben Sie sich immer um Frauen gekümmert. Was halten Sie von einer Frauenquote in der Wirtschaft und Politik?
An dieser Stelle bin ich ganz eindeutig: Solange in der Wirtschaft und Politik nicht automatisch die Parität hergestellt ist, bin ich für die Frauenquote.

In Darmstadt gibt es zu wenig Wohnraum und zu hohe Grundmieten. Wie kann man hier Abhilfe schaffen?
Das Thema bezahlbares Wohnen gehen wir auch strukturell mit unserem wohnungspolitischen Konzept an. Darin ist als wichtigste Komponente enthalten, dass bei allen Neubauten mit Bebauungsplan 25 Prozent der Wohnungen für Haushalte mit geringem Einkommen und 20 Prozent für mittlere Einkommen errichten werden müssen, so schaffen wir zum Beispiel allein im Ludwigshöhviertel 630 geförderte Wohnungen. Bei allen Neubauten setzen wir auf eine gute kommunale Zuschuss-Förderung, die Wohnungsbaugesellschaften und Investoren und Investorinnen als Anreize in Anspruch nehmen können. Wichtigste Partnerin auf dem Wohnungsmarkt ist natürlich die bauverein AG als hundertprozentige städtische Tochter und das Unternehmen mit dem größten Wohnungsbestand in Darmstadt an geförderten Wohnungen – aber wie gesagt, sind wir für alle Interessierten, die sich bei der Schaffung von bezahlbaren Wohnungen beteiligen wollen, offen.

Während der Pandemie waren es hauptsächlich Frauen, die mit gestiegenen Belastungen in Familie und Beruf klarkommen mussten. Sehen Sie Möglichkeiten ihnen politisch und finanziell zu helfen?
Gerade in der Pandemie ist deutlich geworden, dass wir in Sachen Gleichberechtigung noch nicht Gleichstand erreicht haben. Es ist richtig, dass die Belastungen vor allem Frauen trafen, erst recht allein Erziehende, die überwiegend weiblich sind. Grundsätzlich geht es in der Frauenpolitik seit Jahrzehnten um paritätische Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit, Verteilung von Macht, Zeit und Ressourcen, sprich gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Der Gender-Pay-Gap ist nach wie vor vorhanden, Frauen verdienen weniger, übernehmen mehr Care-Arbeit und sind so spätestens im Rentenalter von Armut bedroht. Wir sind als Stadt der Europäischen Charta zur Gleichstellung von Frauen und Männern beigetreten und arbeiten so in Gleichstellungsaktionsplänen relevante Themenstellungen ab – wie z.B. das Recht auf eigenständige Existenzsicherung, auf gewaltfreies Leben oder auch am Abbau von Rollenstereotypen. Es ist ein ganzer Aufgabenkatalog, der in verschiedenen Netzwerken und Zusammenhängen sensibilisiert, politische Entscheidungen herbeiführt und auch Bereiche finanziell stärkt – wie zum Beispiel den Gewaltschutz anhand der sogenannten Istanbul-Konvention oder den Wiedereinstieg ins Berufsleben und zahlreiche Beratungsangebote. Das frauenpolitische Netzwerk in Darmstadt ist vielfältig und ideenreich und mit dem Frauenbüro haben wir eine kompetente Fachstelle für Gleichstellungsfragen. Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft sowohl Väter als auch Mütter – hier sind auch die Unternehmen gefragt, mit denen ich gerne an einem Strang ziehe.

Auch Ihr Ehmann Yücel ist in der Partei aktiv. In wie weit bestimmen politische Diskussionen ihr Privatleben?
Politische Diskussionen haben schon immer mein Leben bestimmt, früher mit meinen Eltern – da ging es eher um die Auseinandersetzung, dass mein Vater CSU-Mitglied war. Aber natürlich auch bei uns zuhause mit meinen Töchtern und selbstverständlich auch mit meinem Mann gibt es politische Diskussionen, viele Themen, die unser Leben bestimmen, haben eine politische Dimension.

Haben Sie einen Lieblingsort in Darmstadt?
Ich habe verschiedene Lieblingsorte, je nach Stimmung – aber ich bin gerne auf dem Oberfeld wegen der Weite, auf der Bastion wegen der Geselligkeit und mit meinen Enkeln im Wald zum Abenteuererleben.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen am meisten?
Ehrlichkeit.

Welche Gabe möchten Sie gerne besitzen?
Geduld.

Ihre liebsten Romanhelden oder Lieblingsgestalten in der Geschichte?
Miss Marple, weil sie sich immer eingemischt hat und nicht beirren ließ und scharfsinnig war.

Die netteste Erinnerung an Ihre Kindheit?
Unsere Urlaubsreisen zu fünft (meine Eltern und wir drei Kinder) im VW-Käfer von München an die Adria und hier insbesondere das erste Picknick unterwegs.

Welchen Satz hassen Sie am meisten?
Dafür bin ich nicht zuständig …

Man sieht Sie auch häufig bei Heimspielen der Lilien. Seit wann sind Sie Lilienfan?
Ich versuche schon seit vielen Jahren, die Heimspiele zu besuchen, das gelingt leider aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht immer, aber ich habe die Entwicklungen seit der 3. Liga oft auf der Gegengerade verfolgt. Jetzt als Sportdezernentin werde ich meinen Arbeitsplatz ins Stadion verlegen.

Frau Akdeniz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Hans-Werner Mayer.