Coronafrühwarnsystem aus Kläranlagen

Professorin Susanne Lackner und ihr Team entwickeln ein Monitoringsystem zum Nachweis von Coronaviren in Abwasserproben. FOTO: TU Darmstadt

TU Darmstadt analysiert Virusvarianten aus Abwasserproben

Durch Coronatests werden die Inzidenzzahlen in Deutschland erst mit zeitlicher Verzögerung bekannt. Ein neues System könnte schnellere Erkenntnisse liefern. Forschende der TU Darmstadt weisen Coronaviren im Abwasser nach und entwickeln ein Frühwarnsystem.

Die aktuellen Zahlen der Inzidenzen und Infizierten in Deutschland sind zu einer der wichtigsten Entscheidungsgrundlagen für die Politik geworden. Das größte Problem dabei: Sie bilden das tatsächliche Infektionsgeschehen immer erst mit einer Verzögerung von bis zu zwei Wochen ab. An einem zuverlässigen Frühwarnsystem arbeiten Forscher der TU Darmstadt unter der Leitung der Professorin Susanne Lackner. Sie untersuchen Abwasserproben von 1,8 Millionen Menschen aus dem Frankfurter Stadtgebiet.

Schon lange ist bekannt, dass sich mit moderner Diagnostik im Abwasser fast alles nachweisen lässt, was Menschen über Stuhl und Urin ausscheiden. Nicht nur Medikamentenrückstände, eben auch Viren wie CoV-2. Mit etablierter Technik lässt sich die Geninformation des Virus herauslösen und analysieren. Die Menge der Viren kann dann bestimmt werden und selbst kleinste Mengen sind nachweisbar. Die Messung ist so empfindlich, dass sie weniger als zehn bestätigte Covid-19-Fälle pro 100.000 Einwohner registriert. Die genaue Zahl der Infizierten lässt sich so zwar nicht herleiten, aber ein Trend, ob die Virenkonzentration steigt oder fällt, ist klar zu verfolgen. Bis zu zehn Tage früher als die RKI-Zahlen. So können bei ansteigenden Virenmengen Schutzmaßnahmen verschärft, bei einem Rückgang wieder gelockert werden.

Von besonderem Interesse ist für die Forscher der internationale Flughafen Frankfurt, wo zusätzlich zu einem quantitativen Nachweis der Virenkonzentration auch Virengenome sequenziert werden sollen, um damit aus den Abwasserproben des Flughafens epidemiologische Informationen zu Herkunft und Mutationen des Virus zu generieren und so mehr über dessen Aus- und Verbreitungswege zu erfahren.

Lackners Arbeitsgruppe ist hessenweit die Erste, die ein solches Konzept entwickelt und in einer Großstadt testet. Die Professorin ist überzeugt, dass sich dieses Monitoringsystem auch flächendeckend installieren ließe. Dazu braucht es natürlich Ressourcen, Geld und Personal. Aber angesichts des Leids und der Kosten, die diese Pandemie und jeder Tag im Shutdown verursachen, wäre das Geld wohl gut investiert.

Das Projekt der Darmstädter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist in seiner ersten Phase bis Jahresende angesetzt und wird vom hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen im Rahmen des Förderprogramms zum Wissens- und Technologietransfer, IWB-EFRE-Programm Hessen, gefördert.

TEXT Hans-Werner Mayer