WAS BITTESCHÖN IST EIN BITCOIN ?

FOTO Andre Francois

Welche Chancen und Potenziale ergeben sich aus der neuen Cryptowährung?

Die Blockchain-Technologie war bislang stark mit der Kryptowährung Bitcoin verknüpft, der sie zum Erfolg verhalf. Tatsächlich kann Blockchain aber viel mehr und wird immer deutlicher auch in anderen Sektoren als möglicher Prozess zu Veränderung angesehen.

Nach Prognosen könnten zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung in ein paar Jahren über eine Blockchain abgewickelt werden. Grund genug, sich die Sache einmal näher anzusehen.

Bitcoin und Blockchain werden oft in einem Atemzug genannt, sind tatsächlich aber sehr klar trennbar: Bitcoin ist die Währung, die Blockchain-Technologie das System dahinter, das Fälschungen von Bitcoins schwierig, wenn nicht gar unmöglich macht. Eine Blockchain (Blockkette) ist eine Datenbank, deren Informationen nicht irgendwo auf einem Server oder bei einem Unternehmen liegen, sondern über viele Computer verteilt werden. Das System verspricht die Abwicklung von Transaktionen ohne Mittelsmänner. Man benötigt niemanden mehr, der diese Informationen beaufsichtigt oder verwaltet. Manche Software-Entwickler sagen deshalb voraus, dass Blockchains eine ebenso große Bedeutung zukommt wie der Erfindung des Internets.

Experten bezeichnen Blockchain als elektronisches, chronologisches Register digitaler Datensätze. Eine Art dezentrale Datenbank oder auch einfach ein Protokoll, das alle Veränderungen und Bewegungen aufzeichnet. Diese Datensätze, Bewegungen oder Veränderungen bestehen aus Ereignissen, Aktionen oder Transaktionen der teilnehmenden Parteien (die so genannten Blocks), welche alle über ein Netzwerk aus Rechnern verbunden sind. Bei jeder Aktion kommt also ein Block hinzu, der sich in die Reihe (oder Kette, engl. chain) der vorherigen Aktionen einreiht. Man hat so nicht nur transparenten Zugang zu der letzten getätigten Transaktion, sondern kann sich auch sehr schnell einen Überblick über die komplette Transaktionshistorie verschaffen. Die Blockchain ist dezentral, was bedeutet, dass dieses Transaktionshistorien-Protokoll — der Zugangsschlüssel zur Information— nicht bei einer Partei liegt, sondern bei allen Parteien gleichermaßen. Das System ist daher absolut neutral und transparent. Jeder kann jede Information bekommen oder überprüfen, daher sind Fälschungen und Betrug sehr schwer. Es ist ein bisschen wie die digitale Nachbarschaftswache. Wenn alle hinschauen, wird das Einbrechen schwer.

Die Regeln, was wahr und was falsch ist, werden von der Mehrheit entschieden. Jeder hat die gleichen Rechte, das ganze System funktioniert also wie eine direkte Demokratie. Durch die sogenannten »Miner«, die Block für Block alle hinterlegten Informationen verifizieren und für alle sichtbar machen, herrscht absolute Transparenz. Alles kann nachvollzogen und wieder abgerufen werden. Natürlich muss man für diese Transparenz Teil des Systems werden. Jede Partei hat in der Blockchain-Technologie ein Schlüsselpaar. Ein öffentliches und ein privates. Das private ist geheim und funktioniert wie ein Zugangscode oder eine digitale Unterschrift. Transaktionen ohne diesen Code sind ungültig. So gibt es niemand, dem dieses Journal gehört. Keine Behörde, kein Unternehmen oder keine Person hat Macht über dieses Journal. Darin liegt es auch begründet, dass die Technologie als besonders sicher angesehen wird: Um Informationen zu verfälschen, müsste nicht ein Server gehackt werden, sondern eben jeder einzelne Computer. Mit der Blockchain wird man weniger abhängig von dritten Parteien. Es funktioniert wie bei der direkten Demokratie, allerdings mit besserem Informationsfluss und damit besseren Voraussetzungen.

Für den Finanzmarkt bedeutet das, sobald Käufer und Verkäufer oder Geber und Nehmer räumlich getrennt sind, benötigt man für die Transaktionen einen vertrauenswürdigen Dritten. Wie bekommt z.B. Amazon das Geld für meinen Einkauf. Da es keine Möglichkeit gibt, Amazon direkt einen Euro zu schicke, nutze ich eine Bank oder eine Kreditkartenfirma. Ich muss diesen trauen, dass sie mein Geld nicht veruntreuen. Das ist bei Banken jetzt nicht so schwer, aber schon schwieriger, wenn Sie einem privaten Ebay-Verkäufer Geld überweisen sollen und nur hoffen können, dass die Ware passt. Eine dritte Partei wird unnötig und das erspart Zeit und Gebühren. Ineffizienzen können beseitigt, Verwaltungsgebühren gespart werden. Und Themen wie Eigentum und Eigentumsübertragungen werden schlagartig transparenter.

Blockchain ist aber nicht auf finanzielle Transaktionen beschränkt, sondern kann für jede Art von Information genutzt werden. Auch Aktien und Strom lassen sich damit schnell, billig und sicher handeln. Es ist nicht mehr der Staat oder der Notar, der uns versichert, dass wir z. B. ein Stück Land auch wirklich erworben haben. Das Grundbuch wäre kein Buch mehr, in dem Amtsmitarbeiter Änderungen vornehmen könnten. Nicht nur das Grundstück, sondern auch der Eintrag im Grundbuch gehört dann dem Besitzer. Der Verkauf wird nur mehr zwischen Verkäufer und Käufer abgewickelt. Der Verkäufer hat als einziger Zugang zum Grundbucheintrag. Nachdem er das Geld erhalten hat, übergibt er das Besitzrecht im Blockchain-Grundbuch an den Käufer. Damit braucht der Käufer nicht mehr Notar und Grundbuchamt vertrauen. Er vertraut der Blockchain.

Auch in anderen Anwendungsgebieten der Blockchain bleibt das Prinzip das gleiche. Die eigentliche Information ist lokal gespeichert. Innerhalb der Blockchain kann eine Information jederzeit nachvollzogen werden – auch für neue Teilnehmer. Der Vertragsinhalt liegt auf den zwei Rechnern der unterzeichnenden Parteien. In der Blockchain wird quasi nur die Unterschrift der beiden Partner gespeichert und damit gesichert. Diese Transparenz bietet außerdem weitere Chance: Fälschungen, Manipulation und Korruption werden extrem erschwert. Das bietet nicht nur Potenzial auch für Entwicklungshilfe und dritte Welt Länder. So plant Honduras beispielsweise künftig alle Grundbucheinträge über eine Blockchain abzuwickeln, um der Korruption und der Enteignung im Land entgegenzuwirken.

Vieles in der Blockchain-Welt erinnert an die ersten Gehversuche des Internets. Die Begeisterung ist groß, teilweise auch berechtigt. Schließlich hat die Technologie das Potenzial, ganze Branchen überflüssig zu machen und ist deshalb sowohl in der Finanzwirtschaft als auch in der Politik und auf anderen Märkten derzeit ein großes Thema. Realistisch betrachtet ist Blockchain heute aber vor allem Zukunftsmusik, weil viele Leute noch keinen Grund darin sehen, das bisherige System in Frage zu stellen. Ob und wie weit die Revolution der Blockchain tatsächlich gehen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch schon heute, dass sie enorme Potenziale in sich trägt und viele Märkte sowie die ganze globale Politik effizienter und transparenter machen könnte.

ZUR INFO: Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Erklärungen sind eine starke Vereinfachung der komplexen Materie Blockchain. Ziel ist es, die prinzipielle Funktionsweise der Blockchain verständlich zu machen. Das Fraunhofer Forschungsinstitut hat zum Thema »Blockchain: Grundlagen, Anwendungen und Potenziale« ein Diskussionspapier herausgebracht. In der nächsten Ausgabe beschäftigen wir uns mit Kryptowährungen wie Bitcoin.
Quelle: MARKENKONSTRUKT Strategiebüro für digitale Markenführung

TEXT Hans-Werner Mayer