Mehr Wirtschaft wagen

Quelle: Unternehmerverband Südhessen e.V. Fotograf: Alexander Heimann

Fachkräftebedarf steigt kontinuierlich

Die aktuelle Geschäftslage und Beschäftigungsentwicklung ist bei der Mehrheit der Mitgliedsunternehmen der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e.V gut. Für die südhessische Wirtschaft sehen sie gute Gründe für Wachstum und Zukunftsperspektiven in Südhessen im Jahr 2018. Gleichzeitig ergeben sich komplexe gesellschaftliche Herausforderungen.

Die aktuelle Herbstwirtschaftsumfrage in der Metall- und Elektroindustrie hat ergeben, dass fast alle Unternehmen von einer gleichbleibenden oder sogar leicht verbesserten konjunkturellen Entwicklung im ersten Halbjahr 2018 ausgehen.Die südhessische Arbeitslosenquote lag im November 2017 bei 4,5 Prozent – eine der besten Novemberquoten seit der deutschen Wiedervereinigung. Der Arbeitsmarkt eilt von Rekord zu Rekord und der Fachkräftebedarf steigt kontinuierlich.

Eine wachsende Wirtschaft und eine rasant fortschreitende Digitalisierung sowie der demografische Wandel werden den Bedarf an gut ausgebildeten Nachwuchskräften, insbesondere in den MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), weiter verstärken. Aktuell gehen wir deutschlandweit von ca. 1,5 Mio. fehlenden Nachwuchs- und Fachkräften bereits zum Jahr 2020 aus“, sagte Dirk Widuch, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e.V. (VhU),

Der Wirtschaftsstandort Südhessen biete vielfältige Wachstums- und Entwicklungspotenziale. Die Politik müsse jedoch die notwendigen Rahmenbedingungen für eine konstante und robuste wirtschaftliche Entwicklung durch reformorientiertes Handeln schaffen. „Die Wissenschaftsstadt Darmstadt nimmt im Zukunftsranking von 70 kreisfreien Städten durchweg Spitzenpositionen ein. Die Auszeichnung Darmstadts als »digitale Stadt« steigert die Attraktivität und Lebensqualität des Standorts. Forschung und Entwicklung, Innovationen und Gründergeist verbunden mit dem südhessischen Industrie- und Dienstleistungsmix, bieten ideale Grundvoraussetzungen für eine zukunftsweisende Bildungs- und Digitalisierungsstrategie mit nachhaltigen Investitionen in der Region.

Diese Entwicklung stellt uns aber auch vor neue komplexe Herausforderungen. Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sind auf ein ausreichendes Angebot an Gewerbeflächen, einen Ausbau der Infrastruktur und ein intelligentes Verkehrswegesystem angewiesen. Menschen, die in der Stadt arbeiten, lernen und lehren müssen ein bedarfsgerechtes Angebot von bezahlbarem Wohnraum und auch moderne Bildungs- und Kinderbetreuungseinrichtungen in der Stadt und im Umland vorfinden.

Wenn es jetzt gelingt, diese Rahmenbedingungen für eine vernetzte Wirtschaft mit international wettbewerbsfähigen Akteuren und einem flächendeckenden Ausbau der digitalen Infrastruktur zu gewährleisten, dann werden wir auch zukünftig Wachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand in Südhessen sichern sowie Darmstadt als „Mittelpunkt des europäischen Silicon Valley“ weiter positionieren. Eine erfolgreiche Transformation zur Industrie 4.0 und eine progressive Digitalisierungsstrategie benötigen große Bildungsanstrengungen sowie Investitionen in analoge und digitale Strukturmaßnahmen. Dies beinhaltet digitale Weiterbildungsangebote von der frühkindlichen Erziehung, über eine Digitalisierungsoffensive an Schulen und Universitäten sowie lebenslange betriebsnahe Weiterbildungsmöglichkeiten. Der Umgang mit neuen Medien und Technologien ist Chance und Herausforderung zugleich.

Wir benötigen einen beschleunigten Ausbau von mobilen Breitbandnetzen, flächendeckender Glasfaserversorgung im ländlichen Raum und eine intelligente Energiepolitik mit bezahlbaren Strompreisen ohne zusätzliche Kostensteigerung. Letzteres ist auch vor dem Hintergrund einer Entwicklung hin zu mehr E-Mobilität und anderen alternativen Antriebstechnologien geboten. Nur so gelingt es uns bewährte Technologien zukunftsorientiert weiterzuentwickeln sowie gleichzeitig neue technische Innovationen zu etablieren“, so Widuch. Eine Anpassung arbeitsrechtlicher Vorschriften an das digitale Zeitalter sei dringend geboten. Vernetzte Wertschöpfungsprozesse und globale Arbeitsabläufe erfordern ein flexibles Arbeitszeitgesetz, sodass das wöchentliche Arbeitszeitvolumen bedarfsorientiert verteilt werden kann. Mitarbeiter wollen flexibler arbeiten, etwa an einem Tag schon am frühen Nachmittag Schluss machen, um etwas mit den Kindern zu unternehmen, und dafür an einem anderen Tag abends länger arbeiten. Wir glauben, dass es in zwei Richtungen gehen muss. Es sollte auch die Möglichkeit geben, die Arbeitszeit individuell zu verlängern, wenn der Mitarbeiter das möchte, betont der Geschäftsführer der Unternehmerverbände Südhessen, betont Widuch.

Die Forderung nach einer 28-Stunden-Woche mit einem Entgeltanspruch für nicht geleistete Arbeit lehnt er ab, da sie den Fachkräftemangel unverantwortlich verstärkt und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stark beeinträchtigt. Die Deckelung der Sozialabgaben bei 40 Prozent hält er für ebenso notwendig wie ein nachhaltiger Bürokratieabbau, der konsequente Eintritt für freien Welthandel und ein Europa der Rechtssicherheit mit finanzieller Stabilität und geregelter Einwanderung.

Um die Bindungskräfte unserer Gesellschaft in der Region, in Deutschland und in Europa zu stärken und das gemeinsame Innovationspotenzial freizusetzen ist es notwendig, dass die Deutungshoheit über diese wichtigen Entscheidungen nicht den Populisten und Abschottungsbefürwortern in den Parlamenten überlassen wird. Wir müssen raus aus der Schweigespirale und uns noch mehr für die Werte einer offenen Gesellschaft engagieren. Dann werden auch die Perspektiven für unsere starke und weltoffene Region im Jahr 2018 und darüber hinaus gut sein“, sagte Dirk Widuch abschließend.

Qualifikationsniveau der Menschen Migrationshintergrund steigern

„Erfreulicherweise waren zuletzt rund zwei Drittel der Menschen mit ausländischen Wurzeln in Hessen erwerbstätig und in so gut wie allen Berufen vertreten – vom Professor bis zum Angelernten. Auf der anderen Seite hat aber auch mehr als die Hälfte der Arbeitslosen in Hessen einen Migrationshintergrund – überproportional viele. Die Hauptursachen hierfür sind fehlende Qualifikationen und mangelnde Sprachkenntnisse. Die entscheidenden Schlüssel sind bessere Bildung und Ausbildung“, sagte Dirk Widuch.

Die deutsche Sprache sei Grundvoraussetzung für eine gute Qualifikation und bessere Erwerbschancen. „Die Bildungspolitik des Landes muss dafür sorgen, dass gerade junge Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund so früh wie möglich Deutsch lernen, um gute Voraussetzungen für Schule und Ausbildung zu haben. Wir freuen uns, dass die Landesregierung Sprache und Bildung in ihrem Integrationsplan an erste Stelle gesetzt hat und die frühkindliche und vorschulische Bildung als oberste Priorität sieht, betont Widuch.

Mehr als jeder dritte Migrant hat überhaupt keinen Berufsabschluss, während es im Rest der Bevölkerung nur zehn Prozent sind. Nur 40 Prozent der Migranten haben bislang eine betriebliche Ausbildung abgeschlossen. Daher wirbt die Wirtschaft gerade für die Möglichkeiten und Perspektiven einer betrieblichen Ausbildung. Denn die hessischen Unternehmen suchen Mitarbeiter mit Kenntnissen in Theorie und betrieblicher Praxis – und das ganz unabhängig von der Herkunft.

BU: Dirk Widuch, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e.V. (VhU),

Text: Reinhold Stämmler