KLEINE HELFER FÜR PATIENTEN UND ÄRZTE

Neue Wege bei der Entwicklung von Medikamenten

Eine Smart Watch dient auch als Sensor, der unsere Aktivität misst. Keine Frage, es ist schon toll, was so eine Smart Watch heute schon alles kann. Das ist aber nur der erste Schritt. Es gibt bereits Technologien, die vor einiger Zeit nicht einmal denkbar, geschweige denn umsetzbar waren.

Viele neue Entwicklungen orientieren sich dabei an der stärkeren Überwachung von Patienten: Für mehr Informationen zur Diagnose und mehr Kontrolle über die Einnahmetreue bei Medikamenten. Auch in anderen Bereichen beeinflusst „digital“ die Art, wie Daten gesammelt, Behandlungen angeboten und Patienten angesprochen werden. Die Interaktion mit Patienten soll weiter gestärkt werden. So hat etwa der Chicagoer Pharmakonzern »Abbott« bereits einen Sensor auf den Markt gebracht, der unter der Kleidung am Oberarm getragen wird. Hier misst er permanent den Blutzuckerwert des Trägers und kann so wesentlich genauere Daten liefern, als es mit mehrmaligem Messen pro Tag möglich ist. Das Messsystem von Abbott befreit Menschen mit Diabetes vom routinehaften Stechen in den Finger und wird in Österreich bereits von den Krankenkassen bezuschusst.

Das US-Startup »Health Care Originals« entwickelte einen Sensor, der auf den Brustkorb geklebt wird, dort bestimmte Biodaten erfasst und vor einem bevorstehenden Asthma-Anfall warnen soll. Entwickelt wurde die Technologie für den »Adamm« genannten Sensor von der Universität in Rochester.

 

BILD 1 FreeStyle Libre® befreit Menschen mit Diabetes vom routinehaften Stechen in den Finger. FOTO: obs/Abbott GmbH & Co. KG Abbott Diabetes Care/R&P/ Klenke“

Die schwedische Firma »Bioservo« entwickelt tragbare Computersysteme nicht nur für die Überwachung von Gesundheitsdaten, sondern sogar für die Therapie: Der »Sem Glove« ist ein Handschuh, der Schlaganfallpatienten hilft, die Beweglichkeit in den Händen wieder zu erlangen. Er registriert, welche Muskeln der Träger anspannt und verstärkt die Bewegung durch kleine, integrierte Motoren. Mit der Zeit soll sich so nicht nur die willkürliche Motorik verbessern, auch Berührungen sollen besser wahrgenommen werden.

Forscher der Universität Tokio haben ein extrem dünnes Gummi erfunden, das mit Sensoren und LEDs versehen ist und sich direkt an die Haut schmiegen kann. So ist etwa denkbar, dass ein aus der »Nanomesh Skin« gefertigter Sensor nicht nur den Puls misst, sondern bei Rhythmusstörungen auch gleich warnt – und zwar nicht nur das Smartphone, sondern über ein Lichtsignal auch den Träger. Die irische Firma »PMD Solutions« hat mit »Respira Sense« ein pflasterartiges Gerät entwickelt, das am Brustkorb getragen wird und dort die Atemfrequenz des Trägers überwacht.

BILD 2 Wie ein winziges Raumschiff durchläuft die Kolonkapsel den Magen-DarmTrakt auf natürliche Weise und sendet auf ihrem Weg hunderttausende Fotos an einen Recorder. Die Bilder wertet der Arzt im Anschluss aus und sucht nach Vorstufen von Darmkrebs FOTO: gesundheitsberater-berlin / Mike Wolff

Doch Forscher beschäftigen sich nicht nur mit auf der Haut getragenen Helfern, die Messdaten erheben: Die Pflaster von morgen sollen aktiv in den Heilungsprozess eingreifen. Seit langer Zeit schon kennen wir Wärme- oder Nikotinpflaster, die einen Wirkstoff langsam an die Haut abgeben. Dieses Prinzip lässt sich weiter denken: So sollen Pflaster in naher Zukunft gleichzeitig Biowerte überwachen und, bei Bedarf und elektronisch gesteuert, einen Wirkstoff abgeben können. Am renommierten »MIT« in Boston wird ein Pflaster entwickelt das über Sensoren verschiedene Daten an der Wunde ermittelt und so eine Entzündung frühzeitig erkennen soll. Tritt eine auf, setzt es einen Wirkstoff frei, um sie zu bekämpfen. An der Universität von Nebraska in Lincoln forschen Wissenschaftler gar an einem Pflaster, das gleich mehrere Medikamente verabreichen kann. Hydrogel-Zellen enthalten die Wirkstoffe, elektrisch leitende Fasern erwärmen auf Wunsch das Gel, das dann den Wirkstoff freisetzt, so das Prinzip. Gesteuert wird die Gabe der Medikamente einfach vom Smartphone aus.

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde »FDA« hat die erste Pille mit eingebautem Smartphone-Sender zugelassen. Die Pille mit dem Namen »Abilify MyCite« enthält neben dem Neuroleptikum »Aripiprazol einen Sensor. Das Medikament ist für Patienten mit bipolaren Störungen und Schizophrenie zugelassen. Besonders Patienten mit psychischen Leiden verweigern oder vergessen häufig die Einnahme von Medikamenten. Die neue Funktion soll Patienten – oder ihren Betreuungspersonen – helfen, zu überprüfen, ob es regelmäßig eingenommen wird.

Es werden bereits seit Jahren gekapselte Miniaturkameras in Anwendung gebracht, die wie ein Endoskop Bilder aus dem Darmtrakt senden. Besonders der Magen- und Darmtrakt ist für die Forscher von Interesse. Schon heute kann eine High-Tech-Pille Daten aus dem Darm funken und Bilder übertragen. Sie durchläuft den Magen-Darm-Trakt auf natürliche Weise und sendet auf ihrem Weg hunderttausende Fotos an einen Recorder. Die Bilder wertet der Arzt im Anschluss aus und sucht nach Vorstufen von Darmkrebs. Die Wundermedizin der Zukunft sind Pillen, kleiner als Bohnen und vollgestopft mit Elektronik: Computerchip, Temperaturfühler, Pumpe, Batterie, drahtlosem Kommunikationssystem und einem Hohlraum für Medikamente, die zielgerichtet und exakt dosiert abgegeben werden.

Bevor diese Helfer wirklich für den verbreiteten Einsatz tauglich sind, müssen allerdings noch viele Fragen geklärt und Probleme gelöst werden. Eine Herausforderung besteht in der Akzeptanz durch Ärzte und der Subvention durch Krankenkassen.

TEXT Hans-Werner Mayer