IN KOPENHAGEN FAHREN MEHR RÄDER ALS AUTOS

FOTO Andrea Groß

Was wir von der dänischen Metropole lernen können

Die dänische Hauptstadt gilt heute mit 60 Prozent Radfahranteil aus verkehrspolitischer Sicht als Musterschüler unter den europäischen Städten. Egal ob für den Arbeitsweg, den Schulweg, die Strecke von Zuhause zur Universität oder für Ausflüge und Transporte jeglicher Art – das Rad gilt in der Fahrradhauptstadt inzwischen als Hauptverkehrsmittel. 

Der wichtigste Grund, den Kopenhagener angeben, wenn man sie fragt, weshalb sie das Rad dem Auto vorziehen, ist nicht etwa Gesundheitsförderung, Umweltbewusstsein oder Geldersparnis – nein, die meisten Kopenhagener – das sind im Großraum 1,3 Millionen Menschen – wählen das Rad, weil sie auf diese Weise schneller ans Ziel kommen. Deshalb werden seit 2016 regelmäßig mehr Fahrräder als Autos gezählt.

In Kopenhagen wurde schon immer viel Rad gefahren. Es ist eine alte Industriestadt und die Kosten rund ums Auto sind in Dänemark extrem teuer. Der wichtigste Punkt sind aber sicher die enormen Investitionen in die Radinfrastruktur. Innerhalb von zehn Jahren wurden rund 50 Millionen Euro investiert. In erster Linie wurden neue Wege gebaut, so dass sich Radfahrer wohlfühlen und schnell am gewünschten Ort ankommen. Die Radwege sind durch sieben bis neun Zentimeter hohe Bordsteine von der Fahrbahn und durch fünf bis neun Zentimeter hohe Borde vom Gehweg abgegrenzt. Auf diese Weise sind die Radfahrer physisch vom restlichen Verkehr getrennt und werden nicht verleitet, andere Spuren als die komfortablen, breiten und geteerten Radwege zu nutzen. So haben beispielsweise Eltern genügend Platz, um ihre Kinder in Lastenrädern zu transportieren. In der Praxis sind die meisten Radwege aber 2,20 Meter breit. Sehr stark genutzte Wege können drei bis vier Meter breit sein. Und es gibt Fahrradspuren für jede Fahrtrichtung auf der jeweiligen Seite der Fahrbahn. Und sie werden im Winter zuerst vom Schnee geräumt.

Eine von vielen Fahrradstationen mit Luftpumpe. FOTO Visitkopenhagen

Um diese Radwege zu bauen, musste aber natürlich anderen Verkehrsteilnehmern etwas weggenommen werden. Bei den großen Haupteinfallstraßen kam es deshalb zu heftigen Konflikten mit den Autofahrern. Ladenbesitzer fürchteten Einbußen und glaubten die Pendler blieben aus. Mittlerweile haben die Geschäftsinhaber gemerkt, dass Radler gut fürs Geschäft sind. Denn Fahrradfahrer kaufen mehr und impulsiver ein als Autofahrer. Man hat auf dem Rad einen offeneren Blick und es ist einfacher, rasch mal anzuhalten.

ie finanziellen Investitionen rentieren sich langfristig und bringen auch einen ökonomischen Nutzen mit sich. Der Straßenbau ist insgesamt teurer als Investitionen in die Radinfrastruktur. Fahrradfahrer werden zudem seltener krank und produzieren keine Kosten im Gesundheitssystem und Räder verursachen im Gegensatz zum Auto keine Umweltverschmutzung, die später mit hohen Kosten bekämpft werden muss. Im Oktober 2013 wurde das Leihradsystem »Bycyklen« eingeführt. Langfristiges Ziel sollen die Leihräder – gemeinsam mit Bussen, Zügen und U-Bahnen – den motorisierten Individualverkehr weitestgehend ablösen.

Mit allen diesen Maßnahmen hat Kopenhagen immer mehr Menschen dazu gebracht, mit dem Fahrrad zu fahren. Doch irgendwann wird selbst das Gute zu viel. So müssen auch die Radler Kopenhagens das Rücksichtnehmen noch erlernen. Viele Konflikte gibt es zwischen Fußgängern und Radlern. Dieser Entwicklung begegnet die Stadt mit verschärften Sanktionen. So kostet das Fahren auf dem Bürgersteig oder über eine rote Ampel nun umgerechnet zwischen 94 und 134 Euro Strafe. Fahrräder, die im Parkverbot stehen, werden immer häufiger sogar gebührenpflichtig abgeschleppt.

Jeden Tag werden 1,27 Millionen Kilometer in Kopenhagen mit dem Fahrrad zurückgelegt, doch im Gegensatz zur Metropole sinkt die Zahl der Radfahrer im ländlichen Raum. Deshalb läuft derzeit in Zusammenarbeit mit den umliegenden Kommunen ein ambitioniertes Projekt. Die bereits existierenden lokalen Radwege sollen zu einem insgesamt 400 Kilometer umfassenden Netz von Superradschnellwegen rund um die Innenstadt werden. Kopieren kann man das Kopenhagen-Konzept sicher nicht. Das Auto bleibt in

bestimmten Situationen und für viele Menschen unabdingbar. Aber jede Stadt kann etwas verändern. Zum Beispiel den öffentlichen Nahverkehr so attraktiv gestalten, dass er besser angenommen wird. Das kostet Geld. Aber nur wenn es der effizienteste Weg ist, wird er eben auch genutzt.

Der Radschnellweg »Cykelslangen« schlänget sich durch Kopenhagen. FOTO Visitkopenhagen

RADSTRATEGIE IN DARMSTADT

Auch Darmstadt will zu einer Musterstadt für den Radverkehr werden. 16 Millionen Euro stehen für die nächsten vier Jahre für diese Verkehrswende zur Verfügung. Die Darmstädter Stadtverordneten haben eine „Radstrategie“ als Grundsatzprogramm zur künftigen Förderung des Radverkehrs beschlossen. Die Strategie ist das Ergebnis von mehrmonatigen Verhandlungen zwischen dem Magistrat, der Stadtverwaltung und der Initiative „Radentscheid Darmstadt“. Diese Gruppe führt eine politische Kampagne für sichere und bequeme Radwege im Alltagsverkehr. Sie sammelte über 11.282 Unterschriften für ein Bürgerbegehren. Und wird von zahlreichen Einzelpersonen, Verbänden und über 70 Darmstädter Einzelhändlern unterstützt. Das Stadtparlament hatte zwar ein Bürgerbegehren der Radentscheid-Initiative abgelehnt, aber beschlossen, in den nächsten vier Jahren jährlich jeweils vier Millionen Euro in die Radinfrastruktur zu investieren und vier Stellen in der Stadtverwaltung zu schaffen, um die Planung des Baus von mehr Radwegen voranzutreiben.

TEXT Hans-Werner Mayer