ELEKTRIFIZIERUNG DES GÜTERVERKEHRS

Wo die LKW am „Schnürchen“ laufen

Man muss aufpassen, dass man Deutschlands erste E-Autobahn nicht verpasst. Auf der Autobahn 5 zwischen den Anschlussstellen Zeppelinheim / Cargo City Süd des Frankfurter Flughafens und Darmstadt / Weiterstadt entsteht nämlich Deutschlands erste Teststrecke für Oberleitungs-Lkw. Von 2019 an soll auf der Testroute ein mehrjähriger Feldversuch durchgeführt werden, bei dem Speditionen die Strecke im täglichen Betrieb nutzen.

„Mit diesem Projekt wird der eHighway erstmals auf auf einer öffentlichen Straße in Deutschland erprobt – damit unterstreicht das Land Hessen seine führende Rolle beim Übergang in eine zukunftsfähige Mobilität“, so der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. „Um bis 2050 klimaneutral zu sein, muss der Verkehrsbereich seinen CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 95 Prozent senken.“

Mehrere Logistikunternehmen mit Standorten in der Region haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. Mehr Güter auf die Schiene zu verlagern, ist nicht immer möglich. Dann muss ein zuverlässiger und möglichst umweltschonender Lkw-Transport diese Aufgaben übernehmen. Der eHighway ist im Vergleich zu Verbrennungsmotoren doppelt so effizient. Die Siemens-Innovation versorgt Lkw über eine Oberleitung mit Strom. Das bedeutet nicht nur eine Halbierung des Energieverbrauchs, sondern auch eine Verringerung der lokalen Luftverschmutzung.

Zurück in die Zukunft:

Eine 100 Jahre alte Idee soll den LKW-Verkehr umweltfreundlicher machen. Durch Oberleitungen sollen spezielle Hybridtrucks auf Autobahnen künftig mit Strom versorgt werden. QUELLE: Die Welt

Siemens wurde vom Land Hessen mit dem Bau einer Oberleitungsanlage für elektrifizierten Straßengüterverkehr auf einer zehn Kilometer langen Strecke beauftragt und übernimmt die Planung, den Bau und optional die Instandhaltung der Anlage. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen des von Hessen Mobil geleiteten Verbundprojekts „Elektrifizierter, innovativer Schwerlastverkehr auf Autobahnen“ (ELISA), das vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördert wird. Hessen Mobil ist zuständig für Planung, Bau, Betrieb und das Management des hessischen Verkehrswegenetzes.

Erster Testbetrieb in Schweden

Im Juni 2016 ging der erste eHighway auf einer öffentlichen Straße in Betrieb. Auf einem zwei Kilometer langen Autobahnabschnitt der E16 nördlich von Stockholm wird für die nächsten zwei Jahre ein Siemens-Oberleitungssystem für Lkw getestet. Dabei kommen zwei Diesel-Hybrid-Fahrzeuge des Fahrzeugherstellers Scania zum Einsatz, die für den Einsatz unter der Oberleitung angepasst wurden. Genau wie herkömmliche Lkw verfügt er über einen Verbrennungsmotor. Im Dieselbetrieb wird dessen Leistung an einen Generator übertragen, der wiederum den nachgeschalteten Elektromotor und damit die Kardanwelle antreibt. Für Generator und Fahrmotor wurden permanent erregte Drehstrom-Synchronmaschinen gewählt, da der Wirkungsgrad bei selbsterregten Motoren im Vergleich zu elektrisch erregten Motoren höher ist.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Lkw überprüft ein in den eHighway-Fahrzeugen verbauter Laser-Scanner kontinuierlich, ob die Fahrbahn über eine Oberleitung verfügt. Ist diese vorhanden, wird der Pantograph an die Oberleitung angelegt und der Elektromotor direkt mit elektrischer Energie versorgt. Bei Fahrdrahtunterbrechung stellt der eHighway-Lkw automatisch auf den Diesel-Hybridantrieb um. Neben Diesel können auch Benzin- oder Flüssiggasmotoren eingebaut werden. Ebenso möglich wäre der Einbau von Brennstoffzellen, Gasturbinen und Batterie-Stacks.

Mit dem zweijährigen Testbetrieb möchten die schwedische Transportbehörde Trafikverket und der Regierungsbezirk Gävleborg Erkenntnisse darüber sammeln, ob sich das eHighway-System für eine zukünftige dauerhafte kommerzielle Nutzung und einen weiteren Ausbau eignet. Denn das Land hat ehrgeizige Umweltziele ausgerufen: Schwedens Transportsektor soll bis 2030 unabhängig von fossilen
Brennstoffen sein.

Bessere Luft für unsere Kinder – dazu hat Erfinder Dr. Florian Bühs (40) von Siemens Mobility ganz konkret mit der Architektur für die Entwicklung des Stromabnehmers für Lkw beigetragen. Mit dem eHighway, einer elektrifizierten Autobahn, können Städte und Regionen zu hohe Stickoxidwerte senken. In Los Angeles, Kalifornien, fahren seit Oktober Lastwagen mit dem von Bühs entwickelten
Stromabnehmer auf einer Teststrecke zwischen Hafen und Autobahn. Und schon bald auf der A5 bei Darmstadt. Für seine innovative Arbeit ist der Forscher als Erfinder des Jahres in der Kategorie „Talente“ ausgezeichnet worden.

TEXT Hans-Werner Mayer