EINZIGARTIGES FÜR DEN KLEIDERSCHRANK

Alte Modehandwerke feiern ein Comeback

TEXT Nicola Wilbrand-Donzelli

Exklusive Einzelanfertigungen mit teuersten Edel-Materialien und atemberaubenden Design: Das verbinden die meisten mit Haute Couture beziehungsweise Alta Moda, die vor allem in den großen Modetempeln in Paris und Mailand äußerst betuchter Kundschaft auf den Leib geschneidert wird. Für „fashion-affine“ Otto-Normalverbraucher bleiben solche modischen Kreationen, die genauso auch extravagante Taschen oder Schuhe sein können, meist ein Traum. Sie sind unerschwinglich, weil üblicherweise unendlich viel penible Handarbeit in solchen raffinierten Designer-Roben beziehungsweise

Foto: Lana Grossa

Edel-Accessoires steckt.

So begnügen sich die meisten von uns mit alltäglicherem, bezahlbarem Chic von der Stange, der nicht selten von großen, im Ausland produzierenden Modeketten unters Volk gebracht wird – in hohen Stückzahlen, ohne individuelles Flair und mit der Halbwertzeit einer Saison.

Die gute Nachricht ist aber: Auch Fashionistas mit kleinerem Geldbeutel müssen auf kleidsame Besonderheiten mit Eyecatcher-Appeal nicht verzichten. Denn insbesondere in größeren Städten boomt in letzter Zeit wieder das modische Angebot kleinerer Läden, die auf Handmade-Outfits & Co mit persönlicher Note setzen – ganz so wie es die meist jüngeren, hippen Kunden mögen.

Das Rad wird dabei jedoch nicht neu erfunden. Im Gegenteil: Man besinnt sich auf Traditionelles – auf kurze Vertriebswege, in der eigene Region und auf gute alte Modehandwerke: Start-ups also

Foto: Lana Grossa

die keine neuen Apps fürs Smart-Phone entwickeln, sondern auf Handarbeit und zunftgemäßes Knowhow setzen

Dabei geht es dann entweder um Schneiderkunst mit dem gewissen Extra oder um liebevoll und aufwändig herge- stellte modische Accessoires, die direkt im Kiez nebenan kreiert wurden – seien es originelle Hüte der Putzmacherin (Modistin), eine Bluse mit handbe

 

stickten Folkloremuster der frisch diplomierten Mode-Designerin, Norwegerpullover von den bestrickenden Expertinnen aus dem Wollladen oder eine trendige Unikat-Handtasche vom ansässigen Sattler.

Ein Hauch von Avantgarde ist auch solchen modischen Kunstwerken aus Leder, Filz oder Stoff nicht abzusprechen. Doch ihre Exklusivität hat im Gegensatz zu den stofflichen Schöpfungen auf den großen Laufstegen der internationalen Fashion-Weeks die sympathische Eigenschaft, dass sie nicht abgehoben ist. Sie bleibt angenehm bodenständig, authentisch und garantiert entschleunigt.

 

Dass Land auf, Land ab gerade Manufakturen dieser Art zu neuem Leben erwachen, liegt aber wohl nicht nur an dem weitverbreiteten Spaß an allem Modischen und Originellen. Dahinter steckt wohl auch die wachsende Sehnsucht nach einer analogen, überschaubareren Welt als tröstliche Reaktion auf die zunehmende Digitalisierung und unübersichtliche Globalisierung unseres gesellschaftlichen Lebens. Fast alles, was wir anpacken, wird nämlich mittlerweile von High

Foto: Lana Grossa

-Tech und elektronischen Assistenten aufgefangen. Fast alles ist smart, ist reproduzierbar, lässt sich kopieren, pixeln, googeln, speichern und bei Missfallen oder Nichtverwertbarkeit in Papierkörbe verabschieden. Der Mensch in der Dienstleistungssociety wird zum Gehirnwesen und größtenteils von der Handarbeit freigestellt.

So ist es das Haptische, das Fassbare, das sich nun als Gegenimpuls viele wieder wünschen: Entweder versuchen sie selbst mit Stoffen und Wolle oder aber auch mit anderen Werkmaterialien wie etwa Holz kreativ zu sein. Oder sie bevorzugen als Konsumenten – und das gilt nicht nur für die Modebranche – bewusst das individuelle Handgemachte mit hoher Qualität – wenn möglich: „Made in der Region“.

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