»DIE DIGITALISIERUNG BIRGT ENORMES POTENZIAL – GERADE FÜR DEN HANDEL«

FOTO Jens Steingässer

Das »M« Magazin sprach mit Dr. Uwe Vetterlein, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar

Der stationäre Einzelhandel ist ein wichtiger Motor für alle innerstädtischen Aktivitäten. Wie viele Einzelhandelsbetriebe sind bei der IHK Darmstadt erfasst? Und wie viele Arbeitsplätze bietet die Branche?

Anfang 2017 waren 10.695 Einzelhandelsbetriebe Mitglied der IHK Darmstadt. Insgesamt haben wir etwa 70.000 Mitgliedsunternehmen – insofern ist das ein stolzer Anteil, der auf den Einzelhandel entfällt. Diese Branche ist mit mehr als 27.000 Beschäftigten in Südhessen auch wichtiger Arbeitgeber. Umso bedeutender ist es, den stationären Einzelhandel nicht nur als Impulsgeber für vitale Innenstädte zu verstehen, sondern ihn auch als wichtigen Wirtschaftsfaktor zu pflegen und zu hegen.

Die IHK Darmstadt Rhein Main Neckar hat jetzt die Broschüre »Vor Ort erfolgreich bestehen« publiziert. Wie lauten die wichtigsten Ratschläge in diesem Leitfaden?

Die Idee zu dem Leitfaden stammt von unserer Vizepräsidentin Tatjana Steinbrenner, selbst Geschäftsführerin des Kaufhaus Ganz in Bensheim und dem IHK-Handelsausschuss. Wir möchten den Händlern damit etwas Praxisnahes an die Hand geben. In dem Leitfaden werden 29 Maßnahmen so anschaulich beschrieben, dass jeder Händler schnell den möglichen Nutzen für sein Geschäft erkennen kann. Der Leitfaden dient in erster Linie dazu, sich selbst zu hinterfragen und das eigene Verbesserungspotenzial zu entdecken. Worin das liegt, muss jeder Händler individuell feststellen und kann nicht verallgemeinert werden. Wir halten aber nichts davon, einen Gegensatz ´hier stationärer Handel – dort Onlinehandel´ aufzubauen. Beides hat seine Berechtigung, vieles wird sich vermischen. So möchten wir nicht jedem raten, zwingend einen Onlineshop zu eröffnen. Aber jeder muss sich damit befassen, was Onlinehandel und andere Entwicklungen für sein Geschäft bedeuten. Die Digitalisierung birgt enormes Potenzial gerade für den Handel. In unserem Leitfaden finden sich dazu gute Beispiele.

Eine aktuelle Studie prognostiziert dramatische Umsatzrückgänge für den stationären Handel. Können lokale Online-Marktplätze den Einzelhandel im Kampf gegen den Onlinehandel retten und wie unterstützt die IHK den lokalen Einzelhandel beim Eintritt in die digitale Welt?

Lokale Onlinemarktplätze helfen dem Einzelhandel vor Ort im Internet ein Gesicht zu geben. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten für den
stationären Handel, hier aktiv zu werden. Entweder durch die reine Onlinesichtbarkeit mit Adresse und Öffnungszeiten oder aber mit der Möglichkeit, einen eigenen Onlineshop zu installieren. Je nach Konzept sind in die Marktplätze bereits ergänzende Dienstleistungen wie die Warenzustellung integriert. Dem Händler muss klar sein, dass die Zielgruppe dieser Marktplätze die Kunden in direkter Umgebung sind, mit solchen lokalen Plattformen kann man nicht gegen die großen Shopping-Portale antreten. Ziel wird eher nicht die Umsatzsteigerung durch den Onlineshop sein können, sondern vielmehr Anlässe zu schaffen, über die lokalen Geschäfte zu informieren und diese zum nächsten Einkauf von der Onlineplattform weg in die Geschäfte zu lotsen. Wir beraten Kommunen und Gewerbevereine im Entscheidungsprozess über solche gemeinschaftlichen Onlineauftritte. Mit den meisten Gewerbevereinen stehen wir ohnehin in stetigem Kontakt.

Zahlreiche traditionelle Geschäfte – wie zuletzt das Modehaus Römer – verschwinden von der Bildfläche. Rechnen Sie mit weiteren Schließungen inhabergeführter Einzelhandelsgeschäfte in Darmstadt?

Dazu möchte ich keine Prognosen abgeben. Aber Fakt ist, dass viele kleinere Traditionshäuser eher aus Mangel an Nachfolgern ihre Pforten geschlossen haben. Dieses Nachfolgethema treibt uns als IHK seit Jahren um. Wir beraten dazu und bieten eine kostenlose Börse im Internet an. Die Welt ändert sich und auch unser Konsum- und Einkaufsverhalten. Dem muss sich auch der Einzelhandel stellen, dann sehe ich viele Chancen. Die Innenstädte werden immer mehr soziale Erlebnisräume. Die Funktionen mischen sich. Die Konzepte von Handel, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen lassen sich gar nicht mehr trennen. Das Ladengeschäft von heute erhält mehr Erlebnis- und Ausprobierflächen, das Einkaufen wird zum Shoppen werden, der Kaufvorgang geschieht beinahe nebenbei. Das werden wir in Zukunft auch in Darmstadt noch mehr feststellen.

Mit welchen sinnvollen Schritten kann man den Leerstand von Verkaufsflächen verhindern, damit die Innenstadt nicht noch weiter an Attraktivität verliert?

Dafür braucht es ein aktives Leerstands-Management, mehr miteinander reden, mehr Flexibilität auf Eigentümer- und Handelsseite, mehr öffentliche und private Investitionen in die Attraktivität der Innenstadt. Sinnvoll sind etwa Gespräche mit den Immobilieneigentümern, um auch Zwischennutzungskonzepte mit geringerer Miete für einen kurzen Zeitraum zu entwickeln. Wenn Immobilienleute und Handel im Kontakt sind, kann schnell auf eine veränderte Flächennachfrage reagiert werden. Generell ist mir eine sorgfältig bedachte und qualitativ passende Neuvermietung lieber als die schnelle Rendite.

Auch der Druck von den großen Filialisten wird immer größer. Was kann man tun, damit regionaltypischer Charakter des Einzelhandels nicht komplett verloren geht?

Idealbild wäre eine Stadt, die nicht nur durch ihre städtebauliche Struktur brilliert, sondern auch zum Einkaufen einlädt. Aber so eine lokale Identität wird nicht von heute auf morgen geschaffen. Dafür muss der Einzelhandel – auch mit anderen Partnern – noch näher zusammenrücken, Konkurrenzdenken überwinden und einzigartige
Angebote entwickeln. Dabei kann Digitalisierung helfen, so schließt sich der Kreis zu den Eingangsfragen. Spannende und überraschende Gemeinschaftsaktionen zur Belebung der Innenstadt müssen entwickelt werden. Solche Ideen kommen am besten aus der Händlerschaft selbst, denn sie kennen ihre Kunden und wollen etwas erreichen, dann steckt auch Herzblut darin. In unserem Leitfaden finden sich hierfür tolle Beispiele.

Die Fragen stellte Hans-W. Mayer

TEXT Hans-Werner Mayer

LEITFADEN FÜR EINZELHÄNDLER

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar hat vor kurzem die Broschüre herausgebracht: „Vor Ort erfolgreich bestehen – Ein Leitfaden für den stationären Einzelhandel“. Darin finden sich viele Praxisbeispiele. Der Leitfaden sowie das weitere Angebot der IHK für den Handel finden Sie im Internet unter: www.darmstadt.ihk.de (Nummer 3639562).

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