»Das Büro der Zukunft«

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»Das Büro der Zukunft muss ein Gewächshaus für Kreativität werden«

Das »M« Magazin sprach mit Professor Jan Teunen. Er hilft seit vielen Jahren Firmen, ihre Unternehmenskulturen zur größeren Entfaltung zu bringen. Zu seinen Kunden gehören: Arbeiter Samariter Bund, dm-drogerie markt, Lufthansa AG, RhönSprudel, designfunktion Gesellschaft für modere Einrichtung mbH und USM Haller. Er ist Kuratoriumsmitglied der Burg Giebichenstein / Kunsthochschule Halle und hat dort eine Professur für Designmarketing inne. Jan Teunen ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder und lebt und arbeitet seit 1977 auf Schloss Johannisberg im Rheingau.

Herr Professor Teunen,auf Ihrer Visitenkarte steht »Cultural Capital Producer«. Was ist unter dieser ungewöhnlichen Berufsbezeichnung zu verstehen?

Ich bin ein Unternehmensflüsterer, der seine Kunden dabei unterstützt, Ihre Unternehmen und Organisationen weiter zu kultivieren. Als Diener der Diener komme ich von außen in Unternehmen hinein und kümmere mich dort um Dinge, die nicht in den Bilanzen ausgewiesen sind. Um die drei Ws. Damit sind die Werte, das Wissen und das Wirken gemeint. Zu diesem Wirken gehört auch die wirksame Kommunikation. Meine Dienstleistung ist sehr gefragt seitens kleiner, mittelgroßer und großer Unternehmen, die sich weiterentwickeln und Zukunft erfinden wollen. In Zukunft entsteht Wirtschaftskraft zu einem erheblichen Teil aus kultureller, moralischer und ästhetischer Kraft. Mit diesen Kräften kenne ich mich aus. Ich bündele sie und richte sie aus und dadurch entstehen in der Regel neue Kombinationen, die eine Qualität haben, die Menschen begeistert.

Warum sind gerade unsere Büros entscheidend für eine konstruktive Unternehmenskultur?

Konstruktive Unternehmenskulturen entstehen dann, wenn es gelingt, ein Gleichgewicht herbeizuführen zwischen wirtschaftlicher Verantwortung und ethischer Verantwortung. Ethik ist die angewandte Liebe für die Weisheit. Sie scheint in den meisten Unternehmen nicht vorhanden zu sein, wenn es darum geht, Büros einzurichten. Die Mehrzahl der Büros ist nämlich geprägt von der Dominanz der wirtschaftlichen Rationalität. So geprägte Raumkulturen sind Teil von Unternehmenskulturen, die verhindern, dass die Emotionen der Menschen, die darin arbeiten, sich stabilisieren können. Die Menschen werden in diesem Umfeld krank, weil die kulturelle Umgebung nicht antwortet. Sie werden ängstlich, brennen aus, fangen an zu mobben und sind unmotiviert. Das ist alles Gift für Unternehmen, die mit ihrer Kultur zum Erreichen einer natürlichen, gesellschaftlichen und individuellen Angemessenheit beitragen wollen bzw. müssen. Eine konstruktive Unternehmenskultur kann sich in Büros, die Wüsten und Toträumen gleichen, nicht entfalten.

Sie zitieren gerne den ungarischen Wissenschaftsphilosoph Ervin László, der den Übergang vom rationalen Denken bis hin zum ganzheitlichen Denken beschreibt. Was bedeutet diese Theorie genau?

Erwin László plädiert dafür, dass wir neue Werte, ja ein neues Bewusstsein, ein neues Denken und Handeln brauchen, um eine friedliche Welt und nachhaltige Welt zu schaffen. Ein Makroshift ereignet sich immer dann, wenn in der evolutionären Dynamik einer Gesellschaft das ganze System an einer Gabelung ankommt und entschieden werden muss, in welche Richtung es weiter geht. Verkürzt gesagt: entweder gelingt es, an der Gabelung eine kritische Masse für den Durchbruch auf eine höhere Ebene zu bilden, oder es gelingt nicht und es fliegt den Menschen das System um die Ohren. Damit die kritische Masse entstehen kann, braucht es viele motivierte Menschen. Leider ist es in unserem Teil der Welt um die Motivation nicht zum Besten bestellt. Wenn sich das ändern soll, müssen wir die Büros verändern; muss die Prägung durch die wirtschaftliche Rationalität ausgelöscht werden. Wer das denken kann, kann es auch machen.

Seit wann gibt es eigentlich Büros und wie haben sie sich im Laufe der Jahre verändert?

Das Büro wurde im 12. Jahrhundert erfunden und zwar in einem Kloster von einem Mönch, der dabei von seinen Mitbrüdern co-kreativ unterstützt wurde. Der erste Schreibtisch bestand aus zwei Holzböcken und einigen ungehobelten Brettern. Weil der Mönch befürchtete, dass die Pergament- und Ledereinbände der Bücher durch das ungehobelte Holz Schaden nehmen würden, legte er seine Kutte, die Burra, auf den Tisch. Diese Burra ist die Herkunft des Begriffes „Büro“. Interessant an dieser Geschichte ist, dass das Büro expliziterfunden wurde, um das Kostbare zu beschützen. Davon haben wir uns heute weit entfernt und es ist klug, sich an diesen Ursprung zu erinnern, wenn über neue Bürokonzepte und das neue Arbeiten nachgedacht wird. In der Renaissance wusste man noch, wie ein Büro zu sein hat, was nicht verwunderlich ist, weil es die Methode dieses Zeitalters war, drei Kräfte: Humanismus, Kapitalismus und Ästhetik, zu bündeln. Diese Kontore waren stimmige Lebensräume, in denen die Entfaltung menschlicher Potenziale mühelos gelang. Später im 18. Jahrhundert entstanden professionelle Büros in Manufakturen und frühen
Industrieunternehmen. Hier ging es um Disziplin und Ordnung und die Raumordnung prägte die Abläufe und die Menschen. Im 19. Jahrhundert machte die Industrialisierung enorme Fortschritte. Neue Fabriken entstehen allenthalben, Maschinen übernehmen die Arbeit und verdrängen die alten Manufakturen. Immer größer werden die Betriebe, immer zahlreicher die Beschäftigten, immer komplexer die Abläufe. Ein einzelnes Büro reicht nicht mehr aus, um Herstellung und Vertrieb, Finanzen und Logistik zu koordinieren. Um dem erhöhten Verwaltungsbedarf zu genügen, entstehen neue Bürogebäude. In ihnen werden funktionale Einheiten gebildet: Finanzverwaltung, Planung, Lohnbuchhaltung. Den Herzschlag der Fabriken geben die Maschinen vor. Sie dominieren nun die Arbeitswelt – und heimlich, still und leise ziehen sie auch in die Büros ein. Zunächst als Rechenmaschinen und seit dem Jahr 1886 dann auch als Schreibmaschinen. Die Einführung der Schreibmaschine bedeutet eine Revolution des Büros. Dort werden die Prozesse in einem hohen Tempo durchgepresst und dadurch entsteht negativer Stress. Er lässt zunächst die linke Gehirnhemisphäre über die rechte stolpern, bis stressbedingt nicht mehr zu stolpern übrig bleibt, weil sie austrocknet. Was Menschen dann verlieren ist das, was sie für die Büroarbeit am meisten brauchen: ihre Kreativität und ihre Intuition. Beide sind in der rechten Gehirnhemisphäre angesiedelt.

Werden wir in der Zukunft noch die klassischen Tätigkeiten in Büros beim Arbeitgeber oder im Home Office ausführen?

Ich liebe die Menschen dafür, dass sie Dinge, wie intelligente Maschinen, die uns das Leben erleichtern und die Probleme lösen, erfinden. Dank der Digitalisierung können Menschen überall arbeiten und werden das auch tun. Im Home Office, im Büro beim Arbeitgeber oder auch an dritten Orten, wie der Parkbank, das Kaffeehaus, co-working spaces, etc.

Wie sollte die Arbeitsumgebung gestaltet sein, damit sie motivierend ist und sich die Kreativität entfalten kann?

Büros müssen wie Flüsse werden. Die Prozesse müssen meandern können. Das Meandern ist eine Entschleunigungstaktik des Flusses. Übersetzt auf das Büro heißt das, es müssen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass nach jeder Kreation die Re-Kreation erfolgen kann. Dadurch regeneriert sich die rechte Gehirnhemisphäre wieder und es bleibt der Mensch in seiner Kraft. Er wird nicht geschwächt und entkräftet. Wegen der fortgeschrittenen Digitalisierung werden in Zukunft viele Routinearbeiten, die heute noch von Menschen im Büro erledigt werden, durch intelligente Maschinen ausgeführt. Was für uns Menschen bleibt, ist die gewollte Co-Kreation und die braucht ein ganz bestimmtes Klima. Das Büro der Zukunft muss ein Gewächshaus für Kreativität werden und das heißt, es muss mit Schönheit geflutet werden. Denn Schönheit ist der Dünger für die Kreativität, die sowohl eine funktionale wie auch eine poetische Beziehung ermöglicht. Es ist diese Qualität, die Menschen begeistert. Das bestätigt auch die moderne Hirnforschung. Es sprudelt die Dopaminachse im Kopf am heftigsten, wenn die Qualität im Umfeld stimmt. Motivationstreiber Nr. 2 ist Qualität im Umgang und diese wird natürlich vom Umfeld wesentlich beeinflusst. Ein großes Problem ist die Tatsache, dass viele Arbeitgeber und die für die Büroeinrichtung Verantwortlichen in den Unternehmen in Bezug auf poetische Qualität informiert unwissend sind. Sie wissen nicht, wie sich ein Arbeitsraum so kulturell aufladen lässt, dass er zu einem Lebensraum für Potenzialentfaltung wird.

Der Wohlfahrtsverband Arbeiter Samariter Bund hat gerade eine kleine Beratungsgesellschaft namens Officina Humana gegründet. Sie will kleine und mittelgroße Unternehmen dabei unterstützen, die poetische Qualität auszubilden, ganz im Einklang der Mission des Bundes „Wir helfen hier und jetzt, überall, wo unsere Hilfe gebraucht wird.“ Im Auftrag von ASB haben der Innovationsspezialist Andreas Kulick, der Philosoph Christoph Quarch und meine Person ein über 500 Seiten starkes Buch mit dem Titel »Officina Humana« geschrieben, das jetzt im Handel ist. Es ist eine Fundgrube für alle, die Ambitionenhaben, Arbeitsräume zu schaffen, die Menschen in ihrer Kreativität und Potenzialentfaltung unterstützen.