DARMSTADT IST WISSENSCHAFT

FOTO Frank Mckenna

Innovation als Tradition

Darmstadt vereint Geist, Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Lebensqualität. Diese Stadt ist stolz auf ihre brillanten Köpfe: Auf Justus von Liebig, Georg Christoph Lichtenberg und Erasmus Kittler. Auf Peter Behrens, August Euler und Bert Rürup. Ohne Merck gäbe es keine Flachbildschirme, ohne Röhm kein Plexiglas.

G.C. Lichtenberg

J. Liebig

E. Kittler

Die Wurzeln der Wissenschaftsstadt reichen weit zurück und haben den Ruf als Zentrum von Wissenschaft und Forschung mit einer über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten und angesehenen Technischen Hochschule schon vor langer Zeit mitbegründet. Innovationskraft hat in Darmstadt stets eine besondere Rolle gespielt. Ein gutes Beispiel ist Georg Christoph Lichtenberg, der scharfsinnige Aphoristiker des 18. Jahrhunderts, herausragender Naturgelehrter und erster deutscher Professor für Experimentalphysik. Ebenso ist Justus von Liebig eng mit Darmstadt verbunden. Hier ging der spätere Chemiker, der die Pharmazie, Physiologie und Landwirtschaft revolutionierte, zur Schule.

Seit 1877 hat Darmstadt eine Universität. Großherzog Ludwig IV, dessen Reiterdenkmal auf dem Friedensplatz steht, verlieh der damaligen polytechnischen Schule den Titel »Technische Hochschule für Darmstadt«. Dort wurde fünf Jahre später weltweit der erste Lehrstuhl für Elektrotechnik gegründet und Erasmus Kittler zum Leiter berufen. Er bildete die für die Elektrifizierung des Landes dringend erforderlichen Elektroingenieure aus und war maßgeblich am Aufbau der öffentlichen Stromversorgung beteiligt. Mit der Inbetriebnahme der »Centralstation für elektrische Beleuchtung« wurde Darmstadt 1888, nach New York und Berlin, zur dritten Stadt weltweit mit einer flächigen Stromversorgung.

J.M Ohlbrich

P. Behrens

A. Euler

Kein Wunder, dass Architekten, die um das Jahr 1900 eine zukunftsweisende Lebensreformbewegung prägten und moderne Jugendstilbauten wagten. Vorrangiges Ziel der in der Kolonie versammelten Architekten und Kunsthandwerker war die Entwicklung und Verwirklichung zukunftsweisender Bau- und Wohnformen. Der Architekt und Designer Joseph Maria Olbrich war der führende Kopf der Künstlerkolonie. Ebenso wie der Architekt, Maler und Grafiker Peter Behrens. Er bahnte der Bauhausarchitektur den Weg.

Im Jahr 1908 entstand in Darmstadt die erste Flugzeugfabrik. Bauherr war August Euler, der zwei Jahre später auch die erste deutsche Flugschule gründete. Und 1910 stellte der Flug-Pionier den Dauerflug-Weltrekord mit drei Stunden und sechs Minuten auf. Auch dies war eine bahnbrechende Leistung, die sich einreiht in eine Jahrhunderte um- fassende Kreativität der Stadt und ihrer Menschen, die mit frischem und wissbegierigem Geist immer wieder neue Wege gegangen sind.

Der ehemalige Professor der TU Darmstadt, Wolfgang Hilberg, war bei Telefunken in einem Entwicklungsteam für einen Digitalrechner tätig. Nach Feierabend bastelte er an einer funkgesteuerten Uhr. Sein Patent wurde 1967 eingetragen. Ein paar Jahre später fragte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt an, die der Gesetzgeber beauftragt hatte, für ganz Deutschland mittels Atomuhr die „gesetzliche Zeit“ zu messen. Da kam Hilbergs Funkverfahren gerade richtig. Doch die Hersteller produzierten weiter mechanische Uhren, erst 1985 brachte Junghans die erste Funkuhr auf den Markt, als Hilbergs Patentrechte nach 18 Jahren erloschen waren.

Gerhard M. Sessler, Professor im Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik, entwickelte 1983 an der TH Darmstadt gemeinsam mit Dietmar Hohm das Subminiatur-Silizium-Kondensatormikrofon, das die Produktion von tausenden von Kleinstmikrofonen auf einer einzigen Silizium-Scheibe ermöglicht und das unter anderem heute in Mobiltelefonen verwendet wird.

Das heute nicht mehr existierende Unternehmen Röhm & Haas aus Darmstadt brachte 1933 mit Plexiglas® einen bruchfesten, transparenten Kunststoff auf den Markt, der durch seinen glasartigen Charakter neue Akzente setzte. Heute wird Plexiglas® von Evonik für so unterschiedliche Bereiche wie dem Möbelbau, der Kommunikationstechnik, dem Messebau, der Luft- und Raumfahrt und dem Bau von Seewasser- aquarien hergestellt. 

Das erste Passivhaus (Nullenergie-Haus) in Deutschland wurde 1991 in Kranichstein gebaut. Nach Plänen von Prof. Helmut Bott wurden vier Reihenhauseinheiten von einer privaten Bauherrengemeinschaft errichtet. Ein Team von Wissenschaftlern erforschte mit Förderung durch das Land Hessen die Bedingungen für energieeffiziente Häuser, entwickelte neue Bauteile wie gedämmte Fensterrahmen, reduzierte Wärmebrücken und CO2-geregelte Lüftung.

W. Hilberg

G. M. Sessler

G. Rürup

Auch die bundesrepublikanische Politik empfängt wichtige Impulse aus Darmstadt. Bert Rürup, der Professor an der Technischen Universität Darmstadt berät als Sachverständiger und Wirtschaftsweiser die Bundesregierung in wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen wie der Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme.

Darmstadt ist eine der wenigen Städte, nach der im chemischen Periodensystem ein Element benannt wurde. Entdeckt wurde das Element 1994 im GSI Helmholzzentrum für Schwerionenforschung und Darmstadtium benannt.

Im September 1967 eröffnete der damalige Forschungsminister der Bundesrepublik, Gerhard Stoltenberg die ESOC, das Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur. Seit der Gründung wurden rund 80 Satelliten vom Darmstädter Kontrollzentrum aus gesteuert und überwacht. Darunter das europäische Navigations-Flaggschiff Galileo, interplanetare Missionen, aber auch so historisch einmalige ESA-Missionen wie Rosetta mit der Landung auf dem Kometen Tschurjumow- Gerassimenko.

Was für die Satelliten gilt, beschreibt auch treffend den Charakter der Wissenschaftsstadt Darmstadt: Fest im Diesseits verankert und zugleich den Blick auf neue Horizonte gerichtet. Seit über 300 Jahren wird in dieser Stadt geforscht und experimentiert. Es begann schon 1668, als Friedrich Jacob Merck eine Apotheke eröffnete und damit den Grundstein für das pharmazeutische Unternehmen Merck legte. Nichts von dem, was heute in dem international tätigen Wissenschafts- und Technologiekonzern geschieht, hätte man damals zu träumen gewagt. Im letzten Jahr nahm Merck in Darmstadt eine OELD-Produktionsanlage in Betrieb. Die 30-Millionen-Investition ist ein klares Bekenntnis zum Standort und ein Zeichnen für die Innovationskraft, die in derWissenschaftsstadt seit mehr als 300 Jahre steckt.

QUELLE: Die Publikation „Wissenschaftsstadt Darmstadt“ ALLE FOTOS TU Darmstadt und Wikimedia

TEXT Hans-Werner Mayer